Entwurzelt
In meiner Kindheit sind wir oft
umgezogen. Mein Vater war Journalist, häufige Ortswechsel brachte
der Beruf mit sich. Geboren wurde ich in Dortmund. Erinnern kann ich
mich wahrlich nicht daran, denn kurz darauf zogen wir nach Grafing,
bei München. Auch daran kann ich mich kaum erinnern, ich war ein
Kleinkind. Lediglich aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass
ich die Erzieherin des katholischen Kindergartens immer „Schwester
Rosine“ nannte, obwohl sie doch Rosina hieß.
Wir zogen
irgendwann wieder nach Dortmund. Aus dieser Zeit habe ich nur
Erinnerungsblitze im Gedächtnis, nichts Konkretes. Ich weiß, dass
die Kindergärtnerin ätzend war. Dass sie mir immer mein Spielzeug
wegnahm. Ich weiß, dass sie eine dicke Frau mit grauen Haaren und
Brille war. Zumindest sagt mir das meine Erinnerung.
Als ich sechs
Jahre alt war, zogen wir nach Schwerte. Wir hatten ein Haus, mit
Garten, in einer Spießbürgersiedlung voll von absurden Gestalten,
die ihren Rasen mit dem Lineal messen mussten, nachdem sie ihn gemäht
hatten. Ich hatte einen Dauerkrieg mit dem Nachbarsmädchen und einen
einzigen Freund. In der Schule wurde ich gemobbt, ich bekam meine
ersten allergischen Erfahrungen – alles in Allem keine gute Zeit.
Wir zogen wieder nach Dortmund. Ich muss 15 gewesen sein.
Und
seitdem lebe ich in Dortmund.
Der Punkt ist: ich habe mich nie
entwurzelt gefühlt. Denn – seien wir ehrlich – eine besondere
Bindung zu den Orten, an denen ich zuvor gelebt hatte, habe ich
sowieso nie aufgebaut. Dort lebten die falschen Menschen.
Das
erste Mal, dass ich mich entwurzelt gefühlt habe, war eine ganz
andere Geschichte.
Zuerst kam Hotte nicht wieder.
Normalerweise trafen wir uns Abends, Hotte, Manuel, Pauline und ich.
Andere waren auch zuweilen dabei, aber das war der Kern der Gruppe.
Wir entschieden dann, was wir machen wollten. Mal war es Blödsinn,
mal war es sinnvoll. Aber Spaß hat es immer gemacht.
Irgendwann
kam auch Pauline immer seltener. Erst fehlte sie einmal, dann
zweimal, dann war sie plötzlich weg. Wie ein nächtliches Gespenst,
das nach dem Aufwachen noch neben deinem Bett zu stehen scheint, nach
einem Blinzeln aber verschwindet.
Manuel kam als nächster nicht
wieder. Man muss wissen, dass er mit Pauline zusammen war. Einige
Zeit kam er noch öfter zu unseren Treffen, aber irgendwann war auch
er weg. Nebel im Wind.
„Ganz schön unkonkret,“ werden
einige von euch nun sicher denken.
Und sie haben recht.
Denn
die Leute, die da nach und nach verschwanden, kannte ich kaum „in
echt.“ Sie waren Mitglieder in einer Gilde.
In einer Gilde aus
World of Warcraft.
Natürlich sind sie nicht wirklich
verschwunden. Sie kamen einfach nicht mehr online. Zu jener Zeit gab
es ein Konkurrenzspiel namens Aion. Lange hatten sie schon damit
geliebäugelt, und am Ende werden sie wohl dahin gewechselt haben.
Zumindest war das damals meine Vermutung.
Zuerst kamen sie immer seltener online,
dann, irgendwann, überhaupt nicht mehr. Zurück blieb ich mit einer
Gruppe von Spieler*innen, die ich kaum oder gar nicht kannte. Wie im
echten Leben, so knüpft man auch online seine Sympathien ungerecht.
Und wo im echten Leben das Gesicht, so hilft online die Stimme, das
digitale Gegenüber nicht nur einzuordnen, sondern auch dabei, es zu
mögen (oder auch nicht, aber das spielt für diesen Text keine
Rolle).
Ich erinnere mich noch, wie sie mich für die Gilde
rekrutierten. Ich kam als Außenseiter („Random“) auf ein
Gruppenevent (Raid) mit, das deren Gilde durchgeführt hatte. Ziel
war es, den Drachen Sartharion zu töten.
Ich war, wie bei solchen
Raids üblich, aus ganz eigennützigen Zielen mitgegangen. Ein wenig
an der Beute des Drachen teilhaben, etwas Erfahrung sammeln, solche
Dinge eben. Mit Gilden hatte ich nichts mehr am Hut, denn meine
Erfahrungen mit einer stalkenden, psychopathischen Gildenleiterin
hatten mir vorerst die Lust auf Gesellschaft verdorben. Und so
tingelte ich mehr oder weniger heimatlos, wie eine Art Söldner über
den Server.
Bis zu diesem Tag, an dem wir Sartharion umboxten. Der
Raid lief beileibe nicht so einfach. Die eine oder andere brenzlige
Situation rettete ich dank der Fähigkeiten meines Spielcharakters.
Der Paladin kann zum Glück von allem etwas und das nutzte ich auch
aus.Draufhauen, Heilung, Charaktere vor Schaden bewahren – ich
konnte das Spektrum in seiner Gänze anwenden.
Am Ende lag das Drachenvieh am Boden
und es wurde Beute verteilt. Ob ich etwas bekommen habe, weiß ich
nicht mehr. Was ich aber bekam war ein Gespräch mit Manuel und
Pauline - die Namen sind hier geändert, denn die Spielcharaktere
hießen Maruviel und Palani.
Kurz darauf war ich Mitglied in
deren Gilde. Es war die einzige Online-Gemeinschaft, in der ich über
lange Zeit aktives Mitglied sein sollte. Ich war zuvor nie lange in
Online-Gruppen – viele nehmen sich selbst oder das Spiel zu ernst,
andere sehen sich nur als Gemeinschaft für das Austauschen stumpfer,
sexistischer, rassistischer oder wie auch immer gearteter billiger
Witze. Ich sollte auch danach nie wieder eine Gruppe finden, der ich
mich über einen längeren Zeitraum anvertrauen sollte.
Manche
Leser werden bereits an der Stelle aufgegeben haben, an der ich
einräumte dass es hier um ein Online-Erlebnis geht.
Manche werden
weiter gelesen haben und den Kopf schütteln. Wie kann man nur so
eine Wertbindung für ein Spiel entwickeln?
Aber ich habe diese
Bindung gar nicht für das Spiel entwickelt.
Sondern für die
Menschen, mit denen ich es gespielt habe.
Genau wie mit Personen aus dem
„echten“ Leben, hatte ich auch mit diesen Menschen tolle,
witzige, traurige, ärgerliche, schöne und tragische Momente. Und
ich habe an diese Zeit in World of Warcraft bessere und konkretere
Erinnerungen, als an weite Teile meiner Kindheit. Zum Beispiel
folgende Anekdote: als wir eine anspruchsvolle Instanz machen wollten
(ein Event für fünf Spieler, bei denen man verschiedene Gegner in
einem Labyrinth aus Gängen findet und tötet), und vor einem großen
Raum voller Feinde standen, die Halle so hoch, dass wir ihre Decke
nicht sehen konnten, die Gegner so zahlreich, dass wir sie kaum
zählen konnten, machte sich unser Krieger, Frontkämpfer und
Anführer Maruviel bereit, die erste Gruppe von Gegnern aufs Korn zu
nehmen. Wir warteten bereit, auf sein Zeichen loszustürmen – als
plötzlich mein Kater Louis über meine Tastatur lief. Meine
Spielfigur joggte vorwärts und hatte im Nu alle Gegner der Halle auf
sich aufmerksam gemacht.
Unsere Charaktere waren in Sekunden
tot.
Unser Lachen im Voicechat erstarb für Minuten nicht. Mein
Fluch und mein wütender Ausruf „LOUIS!“ waren seither ewiges
Gesprächsthema.
Ein anderes Mal wollten wir auf ein PVP
(Player vs. Player)-Schlachtfeld. Wir alle waren mies darin, gegen
andere Spieler anzutreten. Gegen den Computer? Ja, bitte! Aber gegen
andere Spieler? Naja...
Wir wurden richtig böse verhauen. So muss
sich die Hörde-F-Jugend fühlen, wenn sie gegen die
Nationalmannschaft antritt.
Aber es war lustig. Wir machten sogar
eine Challenge daraus, wer von uns am häufigsten sterben würde.
Und
irgendwann waren sie alle weg, meine Mitspieler*innen. Geblieben
waren nur ein paar Anekdoten.
Es geht um Entwurzelung. Ich
könnte jetzt, nur für WoW-Kenner, eine Referenz einbauen, die sich
auf die Wurzeln-Fähigkeit des Druiden bezieht. Aber das lasse ich an
dieser Stelle.
Entwurzelt bist du nicht unbedingt, wenn du einen
Ort verlässt. Die Metapher täuscht hier. Denn Menschen können
ebenso gut wie Orte binden und im Internetzeitalter können sie
überall sein. Entwurzelt bist du, wenn ein Ort dir keinen Grund mehr
gibt, deine Wurzeln erneut in ihm zu schlagen.
Der Ort war World
of Warcraft.
Aber die Erde, die dort meine Wurzeln hielt, waren
die Menschen.