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Donnerstag, 30. April 2020

Schreib-Challenge #2.2020 (Sonja): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen?



Ein Bärenleben in 3 Akten


1. Akt: Das Bärenkind

Als Kind war die Welt für den Bären noch in Ordnung. Es wurde viel gespielt und mit seinen Eltern gelacht. Sie haben zusammengehalten wie die 3 Musketiere, ganz nach dem Motto: Einer für alle und alle für Einen. Je älter der junge Bär wurde, desto häufiger war der Bärenvater abwesend. Nur die Bärenmutter war immer für ihren Sohn da und unterstützte ihn bedingungslos. Der Vater hingegen war so oft nicht zu Hause, dass er gar nicht mehr wahrnahm, wer sein Sohn eigentlich war und für welche Dinge er sich interessierte. Für ihn war es nur wichtig, dass er einen Erben für seine Firma hatte. Denn für den Bärenvater stand fest, dass sein Sohn die Firma eines Tages übernehmen würde, genauso wie er sie von seinem Vater übernommen hatte. So war es vorgesehen und so würde es kommen. Der junge Bär allerdings wollte nicht in der Firma arbeiten, er interessierte sich einfach nicht dafür. Immer wieder stritten die Beiden. Der junge Bär wollte sein Leben selbst gestalten, doch der Bärenvater machte es ihm schwer, indem er sich immer wieder einmischte und die Entscheidungen für ihn traf. Handelte und funktionierte der junge Bär nicht so wie der Vater es wollte, gab es Konsequenzen. Die Palette war groß und reichte von Taschengeldkürzungen und Ausgehverboten bis hin zu einer Tracht Prügel. Die Bärenmutter war in diesen Situationen meist machtlos, hatte sie zu große Angst, wenn die dunkle Seite des Bärenvaters zum Vorschein kam. Sie konnte sich nicht trennen, da sie nicht nur von ihm abhängig war, sondern trotz allem immer noch den liebevollen Bären in ihm sah, in den sie sich vor langer Zeit verliebt hatte. Sie versuchte ihren Sohn zu unterstützen und zu trösten, wenn es wieder zu Streit mit dem Vater kam, mehr konnte sie nicht tun. Die Zeit verging und der junge Bär begann einen Plan zu schmieden, um sich und seine Mutter zu retten. Er nahm mit dem Einverständnis seiner Mutter neben der Schule eine Arbeit an und sparte sein gesamtes Geld. Damit verschaffte er ihnen finanzielle Sicherheit. In seiner knappen Freizeit suchte er nach einer neuen Unterkunft für sich und seine Mutter. Als das geschafft und seine Mutter in den Plan eingeweiht war, warteten die Beiden auf den richtigen Augenblick für ihre Flucht. Einige Zeit später fuhr der Bärenvater auf Geschäftsreise. Mutter und Sohn packten ihre Sachen und zogen aus. Sie ließen einen Brief zurück, in dem sie ihre Entscheidung mitteilten und den Bärenvater wissen ließen, dass sie seine Ignoranz, Gewalttätigkeit und Tyrannei keinen Tag länger aushielten und deswegen gingen. Der junge Bär blickte noch einmal auf den Ort seiner Kindheit zurück und schwor sich, sollte er jemals eine eigene Familie haben, vieles anders zu machen.


2. Akt: Der erwachsene Bär

Inzwischen sind einige Jahre ins Land gezogen, seit der junge Bär weg gezogen war. Das Verhältnis zu seiner Mutter war nach wie vor hervorragend. Seinen Vater hingegen sah er nur selten. Und wenn dann nur damit er seine Enkel sehen konnte, da der junge Bär mittlerweile eine eigene Familie gegründet hatte. Gemeinsam mit seiner Bärin hatte er zwei wundervolle Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Er liebte seine kleine Familie abgöttisch. Er war mit seiner Arbeit zufrieden und konnte sich nicht vorstellen was dieses Glück zerstören können sollte, bis das Telefon klingelte. Eigentlich war es ein positives Gespräch, er sollte befördert werden und eine ordentliche Gehaltserhöhung bekommen. Er war sich sicher, dass er die neue Position gut ausfüllen könnte. Aber er war auch unsicher, da sie wesentlich mehr Arbeit bedeutete und damit weniger Zeit für die Familie. Er suchte bei seiner Mutter Rat, die ihren Sohn immer noch bedingungslos unterstützte. Sie war sicher, dass er auch selbst die richtige Entscheidung treffen würde und erinnerte ihn daran, was geschah als der Bärenvater anfing mehr zu arbeiten und weniger Zeit für die Familie hatte. Nachdem er das Angebot auch mit seiner Bärin besprochen hatte, nahm er es schließlich an. Bald arbeitete er Tag und Nacht, schlief wenig und war dadurch schnell gereizt. Er überschüttete seine kleine Familie mit Geschenken, um die fehlende Familienzeit wettzumachen. Die alte Bärenmutter beobachtete besorgt die Entwicklung, beschloss aber sich vorerst nicht einzumischen. Auch die Bärin war besorgt und wandte sich schließlich an die alte Bärenmutter. Die beiden Kinder wurden unbemerkt von ihrem Vater immer unglücklicher und ließen in der Schule stark nach. Sehnsüchtig warteten sie jeden Abend auf ihren Vater, der aber immer seltener zu ihrer Schlafenszeit zu Hause war. Um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, fingen sie in den seltenen Tagen wo er zu Hause war Streit an. Sie warfen ihm vor, dass er sich nicht für sie interessiere und ihm egal war, wie es ihnen geht. Nach einem besonders großen Streit brachte ihre Kinder zu der alten Bärenmutter und konfrontierte den jungen Bären. Er müsse sich entscheiden, da sie das nicht länger mitmachen würde. Entweder die Arbeit oder die Familie, beides würde so nicht funktionieren. Als der junge Bär seiner ständigen Gereiztheit freien Lauf ließ, verließ die Bärin wortlos die Wohnung. Der junge Bär blieb zurück und zerschmetterte in seiner Wut das Mobiliar. Als er sich beruhigt hatte, fing er an sein Verhalten in Frage zu stellen. Er begriff, dass er sich durch seine Arbeit verändert hatte und von ihm selbst unbemerkt zu seinem eigenen Vater geworden war. Dabei sollten seine Kinder es doch mal besser haben als er selbst. Er beschloss die Reißleine zu ziehen und wieder zu einem anständigen Bären zu werden. Er suchte eine neue Arbeit und kündigte die Alte. Mit professioneller Hilfe bekam er seine Gereiztheit unter Kontrolle und schloss schließlich auch mit seinem Vater Frieden, der mit seinem Verhalten unbewusst den Grundstein gelegt hatte. Der junge Bär hoffe, dass es noch nicht zu spät war und er seine Familie noch retten konnte, aber es würde nicht einfach werden.


3. Akt: Der alte Bär

Mittlerweile ist der junge Bär alt geworden und blickt zufrieden auf sein Leben zurück. Es war damals nicht einfach gewesen, seine Bärin davon zu überzeugen zu ihm zurückzukehren und ihm noch eine Chance zu geben. Aber er war ausdauernd gewesen und hatte es schließlich geschafft. Seitdem stand seine Familie immer an erster Stelle. Selbst als seine Kinder auszogen hielt er sich zurück, auch wenn es ihm schwer fiel, sie gehen zu lassen. Anders als er sollten sie ihre eigenen Entscheidungen treffen und aus ihren Fehlern lernen. Sie sollten ihren Interessen folgen und tun was sie liebten, auch wenn er nicht immer damit einverstanden war. Er war glücklich. Seine Eltern hatte er vor langer Zeit verloren und vor noch nicht langer Zeit wurde ihm auch seine Bärin genommen. Während er im Sessel saß und alte Fotos anschaute wartete er auf seinen Sohn, bei dem er seit kurzem einige Veränderungen wahrgenommen hatte. So machte sein Sohn in der letzten Zeit viele Überstunden, ignorierte die Wünsche seiner Bärin und verbrachte praktisch keine Zeit mehr mit seinem Kind. Sein Enkel kam den alten Bären häufig besuchen und wirkte seit einigen Wochen zunehmend angespannt. Als der alte Bär sich erkundigte was los sei, teilte sein Enkel ihm zögerlich mit, dass sein Vater zwar nie da war, ihm aber trotzdem großen Druck machte was die Schule anging. Er schien nie zufrieden mit den Noten seines Sohnes zu sein und gab sich mit Mittelmaß nicht zufrieden. Das war der Moment in dem der alte Bär beschloss sich, anders seine eigene Mutter damals, einzumischen und mit seinem Sohn darüber zu sprechen. Er war besorgt, dass sich die Geschichte wiederholt und wollte dies verhindern. Als der Sohn schließlich eintraf, unterhielten sie sich eine Weile, bis der alte Bär schließlich seine Besorgnis offenbarte. Sein Sohn sollte sich daran erinnern, wie er sich in seiner eigenen Kindheit fühlte, als sein Vater oft abwesend war und wie die Situation schließlich eskaliert war. Sein Sohn wollte erst nicht einsehen, dass sich sein Verhalten seiner Familie gegenüber verändert hatte. Der alte Bär redete ihm ins Gewissen, dass er dringend etwas an seinem Verhalten ändern musste, da er sonst Gefahr lief seine Familie zu verlieren, genauso wie es für einige Zeit dem alten Bären und auch dessen Vater geschehen war. Er sollte aus den Fehlern seines Vaters und Großvaters lernen und es besser machen. Für ihn war es noch nicht zu spät das Ruder wieder herumzureißen. Schlagartig wurde dem Sohn des alten Sohn bewusst, dass er, obwohl er sich geschworen hatte seine Familie niemals zu vernachlässigen, genau das getan hatte und damit in die Fußstapfen seinen Vaters getreten war und seine Fehler wiederholte. Er dankte seinem Vater, dass er sich eingemischt und ihm ins Gewissen geredet hat. Als sein Sohn schließlich ging, gab der alte Bär ihm noch mit auf den Weg, dass er niemals vergessen sollte, dass die Familie immer an erster Stelle kommt und dass man gemeinsam alles schaffen kann.

Schreib-Challenge #2.2020 (Jenny): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen?



Es gibt verschiedene Situationen, in denen die Redewendung „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ gebraucht wird, und so hat sie in den einzelnen Situationen oft völlig verschiedene Bedeutungen. Sie kann sowohl wohlwollend als auch abwertend gemeint sein. Je nachdem, welche Eigenschaft oder welcher Charakterzug des Elternteils gerade angesprochen wird.

Ich gebe euch zwei Beispiele:

1. Die Tochter eines Konzertpianisten hat seine Musikalität “geerbt“ und die Leute sagen
wohlwollend und anerkennend „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“.
2. Der Sohn eines Alkoholikers sitzt jeden Abend betrunken in einer Bar und die Leute sprechen abwertend darüber, dass „der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen“ ist.

Wenn wir weiter darüber nachdenken, stellt sich zwangsläufig die Frage, wovon es eigentlich abhängig ist, welche Eigenschaften und Charakterzüge wir von unseren Eltern übernehmen. Werden die Eigenschaften genetisch vererbt? Spielen sie sich bei uns im Bewusstsein ein, weil wir sie von den Eltern verinnerlichen? Oder haben wir die Möglichkeit, uns bewusst für bzw. gegen die Übernahme bestimmter Charakterzüge/Eigenschaften unserer Eltern zu entscheiden?
Diese Fragen kann man auf verschiedenen Ebenen beleuchten. Sie tangieren sowohl den Bereich der Genetik als auch die Bereiche Philosophie und Psychologie.

In Genetik war ich noch nie gut (Ob ich das von meinen Eltern habe?), aber ich möchte versuchen, die gestellten Fragen auf philosophisch-psychologischer Ebene zu betrachten. Dazu bietet sich an, die negative Assoziation der Redewendung herzunehmen. Ich erzähle euch nun eine kleine Geschichte.


Lia und Dina sind eineiige Zwillinge. Sie wachsen in schwierigen Verhältnissen bei ihrer Mutter auf, nachdem der Vater früh aus ihrem Leben verschwunden ist. Ihre Mutter kümmert sich nicht um die beiden, nimmt regelmäßig harte Drogen vor ihren Kindern oder ist auch mal tagelang nicht zu Hause. Natürlich bekommen Lias und Dinas Mitschüler mit, dass die zwei oft ungepflegt sind. Das nehmen sich einige Mitschüler zum Anlass, die zwei zu mobben. Das geht so lange bis Dina mit 15 ohne Abschluss von der Schule abgeht. Lia beißt sich durch und schafft trotz der Angriffe ihren Abschluss. Während Lia alles daran setzt, für ein Studium zugelassen zu werden, rutscht Dina immer mehr ab. Ohne Schulabschluss und Perspektiven verfällt Dina in eine tiefe Depression. Sie fängt an, Drogen zu nehmen – zuerst nur mal eine Line Koks, später greift sie zu stärkeren Drogen.
Lia versucht neben ihrem Studium alles, um ihrer Schwester aus diesem tiefen Loch raus zu helfen. Sie ermutigt sie zu einem Entzug, doch Dina hält es dort nicht lange aus. Die beiden verlieren sich schließlich aus den Augen. Trotz der ganzen Rückschläge und der Sorge um ihre Schwester, schafft Lia es, ihr Jura-Studium zu beenden.

Ein paar Jahre später geht Lia mit ein paar Anwaltskolleginnen aus, um den Abschluss in einem großen Fall zu feiern. Als sie aus dem Club kommen, fällt Lia eine reglose Gestalt in einer Seitenstraße auf. Sofort geht sie hin, um zu helfen, und findet Dina mit einer Spritze im Arm neben einer Mülltonne liegend. Lia schüttelt ihre Schwester und versucht, sie aufzuwecken. Als Dina zu sich kommt und ihre Schwester erkennt, sagt sie nur „Guck nicht so! Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm, oder?“…

Meiner Meinung nach, gibt es für uns zwei Möglichkeiten. Wir können uns von der Vergangenheit beeinflussen lassen, uns ihr ergeben und auf die einzige Art und Weise leben, die wir gelernt und vorgelebt bekommen haben – so wie Dina.
Oder wir versuchen, uns auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, uns nicht von der Vergangenheit leiten zu lassen, an uns zu arbeiten und unsere eigene Zukunft zu erschaffen – so wie Lia.

Natürlich habe ich das Ganze sehr vereinfacht dargestellt. Die Genetik kann man nie ganz außen vor lassen. Aber ich glaube fest daran, dass es uns möglich ist, unser Leben selbst zu gestalten. Unabhängig davon, was uns unsere Eltern vorgelebt haben. Ich glaube daran, dass ich mich entscheiden kann, welche Eigenschaften meiner Eltern ich übernehmen möchte und welche nicht. Dass ich darüber bestimmen kann, was ich anders oder besser machen möchte und es auch durchziehen kann. Ich hatte nicht so eine schwere Kindheit wie Lia und Dina, aber auch ich habe mein Paket zu tragen, wie sicher die meisten von uns. Ich finde es wichtig, dass man sich verinnerlicht, dass man ein eigenständiger Mensch ist und auch wenn unsere Eltern uns sicherlich prägen, sind wir mehr als ein Apfel, der mehr oder weniger weit vom Stamm gefallen ist.


„Wenn wir uns nur auf Ursachen in der Vergangenheit konzentrieren und versuchen, die Dinge lediglich durch das Prinzip von Ursache und Wirkung zu erklären, landen wir beim «Determinismus». Denn das würde ja bedeuten, dass unsere Gegenwart und unsere Zukunft bereits durch vergangene Ereignisse entschieden wurden und unveränderbar sind.“

(Aus „Du musst nicht von allen gemocht werden: Vom Mut, sich nicht zu verbiegen“, geschrieben von Fumitake Koga und Ichiro Kishimi)

Schreib-Challenge #2.2020 (Lena): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ (by the way, der dämlichste Satz den ich je gehört habe.) Wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen. Von Lena.



Was macht so ein Satz eigentlich mit einem. Ich hab mir das jetzt 101 Mal durch gelesen und irgendwie weiß ich immer noch nicht richtig was ich dazu schreiben soll. Was ich für eine Meinung dazu habe oder überhaupt was es mit mir macht.

Ich hab meine Eltern sehr gerne, mal mehr Mal weniger wie das eben so ist. Vieles kann ich verstehen was sie sagen und machen, heißt aber nicht das ich mich damit identifizieren kann. Bei vielen Dingen kann man nicht mit sprechen, was man „übernimmt“ ähnliche Gesichtszüge, Charaktereigenschaften. Wie oft hört man du bist wie deine Mama oder deinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten. Solche Sätze hört man mal gerne und mal weniger gerne. Liegt wahrscheinlich auch daran, in welchem Verhältnis man zueinander steht. Aber trotzdem lässt so ein Satz einen, im besten Fall, immer Reflektieren. Man macht sich Gedanken und setzt sich intensiver damit auseinander. Ist man wirklich wie seine Eltern, will man überhaupt so sein, hat man überhaupt eine Wahl anders zu sein oder liegt es in unseren Genen das wir nur genauso sein können.

Ich halte das für Schwachsinn, auch wenn es unsere Eltern sind, wir sind trotzdem frei unsere Entscheidungen zu treffen uns von Menschen und unserer Umwelt prägen zu lassen. Die Entscheidung wie wir es machen wollen liegt allein bei uns. Auch wenn der Apfel nicht weit vom Stamm fällt können wir immer noch Entscheiden wie wir damit umgehen wollen. Wenn es oft auch leichter ist, wenn etwas nicht so läuft wie es vielleicht soll, die Schuld bei anderen, explizit bei den Eltern, zu suchen. Letztendlich sind Eltern aber auch nur Menschen die Entscheidungen treffen, mir hat diese Sicht der Dinge geholfen.

Ich hab gelernt, meine Eltern eben nicht nur als Eltern zu sehen. Irgendwann hab ich damit anfangen, Eltern als Menschen zu sehen. Menschen die Dinge auch nicht perfekt können oder wissen. Menschen die Dinge auch erst zum ersten Mal machen. Mensch mit Unsicherheit, Fehlern und eigenen Macken.

Ich hab angefangen meine Eltern nicht nur als Eltern zu sehen als meine Freunde Eltern geworden sind. Die Menschen mit denen ich Nächte lang getanzt, gefeiert, gesoffen, gelacht und geweint habe. Meine Freunde, mit denen ich gestritten habe, mit denen ich diskutiert habe, mit denen ich Fehler gemacht habe und mit denen ich gelernt habe. Mit denen man Pläne gemacht hat, mit denen man herausgefunden hat wer man irgendwann mal sein will. Schwer vorzustellen das meine Eltern auch mal solche Menschen waren, aber tatsächlich waren sie das, junge Menschen mit Wünschen und Träumen.

Komisch das diese Menschen jetzt Eltern sind, Eltern wie meine Eltern es auch sind. Die kleine Kinderhände halten und für diese kleinen Menschen das Größte sind.

Also lese ich die Storyline zum 102ten Mal und versuche wieder drüber nach zu denken. Ist man wie seine Eltern, und wenn ja welche Eigenschaften schätze ich besonders und auf welche könnte ich verzichten oder was möchte ich auf keinen Fall genauso machen.

Letztendlich bin ich der Meinung, wenn man in den Spiegel schauen kann und ehrlich zu sich sagen kann du bist ein guter Mensch und mit dir im reinen, ist es egal ob man vielleicht auch ein kleines bisschen oder ganz viel seiner Eltern in einem erkennt. Man ist selber frei auf Eltern zu hören, sich besonderen Charakterzügen hin zugeben oder Dinge gut oder schlecht zu finden die in der eigenen Kindheit passiert sind.

Ich persönlich finde ich bin weit vom Stamm gefallen, aber irgendwie auch ganz nah. Ich erkenne immer wieder Charakterzüge oder Merkmale meiner Eltern an mir, aber am aller meisten erkenne ich mich. Ein Mensch wie meine Eltern mit Fehlern, Macken und Erfahrungen die ich gemacht habe und die ich noch machen werde. Eine wirklich Antwort kann ich also nicht auf diese Frage geben, liegt aber einfach daran das ich mich mit der Aussage aber auch überhaupt nicht anfreunden kann.

Macht euer Ding und fühlt euch frei zu sein was auch immer ihr wollt und wenn Ihr wie eure Eltern sein wollt, warum nicht.

Schreib-Challenge #2.2020 (David): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen?

 

„Du bist wie dein Vater.“

Innerlich verdrehe ich die Augen und vermeide eine Antwort. Obwohl oder gerade weil ich weiß, dass meine Mutter Recht damit hat.

Einige werden sich nun fragen, warum ein erwachsener Mann diesen Vergleich wie ein sechzehnjähriger Pubertätstrotzki ablehnt. Das ist ganz einfach: als ich etwa 18 war, verließ mein Vater die Familie. Das Vermögen nahm er mit. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.
Auf der Suche nach einer Alliteration, die diesen egoistischen Bummskopf gut beschreibt, kam mir erst „verantwortungsloser Vater“ in den Sinn. Verkackter Vater trifft es aber eher. Oder stinkender Stumpfkopf. Oder hirnverbrannter Heini. Oder ekliger Egomane.
Hach, ich könnte noch Stunden so weiter machen. Fakt ist nämlich leider: warum meine Mutter, meine Schwester und ich teilweise bis heute in der Scheiße sitzen, hat mit seinem Weggang zu tun. Die Gerichtsverhandlung wegen unserer alten Wohnung musste meine Mutter führen und bezahlen. Unsere Tiere mussten wir abgeben. Eine kleinere Wohnung suchen. Ein ganzes Leben in den Ausguss spülen. Und alles nur, weil Mr. Midlifecrisis keinen Bock mehr auf sein gewähltes Lebensmodell hatte. Fun Fact: im Gegensatz zu anderen konnte er sich das wirklich selbst aussuchen.

Und genau deswegen will ich nicht mit dem verglichen werden.

Nicht mal, wenn es nur um Kleinigkeiten geht. Die Art, wie ich rede, wie ich Witze mache, wie ich mich bewege. Fuck off, ich will nicht wie der sein.

Ich gebe es ja zu: wer bei der Familie meines Vaters aufgewachsen ist, konnte wahrscheinlich nur ein Arschloch werden. Als letzte Vertreter der kackigen Kalvinisten waren Geiz („Sparsamkeit“) und Fleiß („Workahollic als Fluchtmöglichkeit vor der Familie“) bei denen Sozialisationstopmodell No. 1. Die Mutter war eine verbitterte alte Frau, deren herunterhängende Mundwinkel von einem Leben kündeten, in dem Freude wahrscheinlich polizeilich verfolgt wurde.
Die Geschwister sind knauserige Geizknochen. Überhaupt ging es in dieser Familie immer nur ums Geld. Und um die Arbeit. Andere Gesprächsthemen kannte man dort nicht. Ich erinnere mich noch, wie wir alle paar Monate diese Familie besuchen mussten. Schön brav am Tisch sitzen, nicht reden, nicht spielen, nicht lachen, nicht freuen, nicht Kind sein.

Ok, eigentlich sollte ich jetzt empathisch nachvollziehen, warum mein Vater so verkorkst ist. Aber es geht nicht.

Ich erinnere mich daran, wie er mir als Kind vemurkste Ansichten von Männlichkeit einzutrichtern versuchte. Männer weinen nicht, Männer sind Handwerker, Männer sind sportlich (der Lauch, haha!), Männer sind nicht krank.

Zum Glück war ich als Kind schon kritisch. Was sicher anstrengend war.
Ich erinnere mich, wie er nicht akzeptieren wollte, dass ich einfach, verfickte Scheiße nochmal, nicht gut in Sport war. Wie ich an einer Stange im Garten Klimmzüge trainieren sollte.
Zum Glück rief immer irgendwann wieder seine Arbeit. Und er verlor das Interesse.
Überhaupt glaube ich, dass es eigentlich ein Segen war, dass der Typ sich die meiste Zeit in seinem Büro verschanzte und sich um nichts kümmerte, als zu arbeiten.

Warum konntest du Penner mir nicht wenigstes etwas dieser Eigenschaft übertragen? Manchmal bin ich so faul, dass ich sogar zum faul sein zu faul bin! Ich will nicht wie du reden, will nicht wie du Witze machen, aber eine gesunde Variante deines Arbeitshabitus, die wäre schon nice gewesen.
Ich zweifle allerdings daran, dass du irgendwas Gesundes in deinem Leben zustande bekommen hast, also sollte ich vermutlich froh sein.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Nur, dass du Lauch kein Stamm warst. Sondern ein sich windender Grashalm, der sich immer zur Seite bog, wenn es schwierig wurde. Der sich immer nur zurückzog, erst an seine Schreibmaschine, später an seinen PC, oder in sein Auto um hierhin und dorthin zu fahren.

Aber vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht ist es gut, dass ich nicht vom letzten Kalvinisten der Welt erzogen wurde, dass ich keinen selbstzerstörerischen Leistungshabitus habe, dass Geld für mich nicht alles ist. Wahrscheinlich wäre ich ein klassischer, unreflektierter Vertreter der Generation Y geworden, irgendein Mittelschichtjob, den ich eigentlich hasse, der aber vor der Familie, auf die ich eigentlich keinen Bock habe, die einzige Fluchtmöglichkeit darstellt. Irgendeine absurde Lebenseinstellung dazu, die nichts mit der Realität zu tun hat, stetig alle belehrend, dass mein Bauchgefühl über die Welt auch die Welt sein muss, ja, das wäre ich wahrscheinlich geworden.
Ich hätte niemals Marx gelesen, hätte mich nie für Kant interessiert, wüsste heute nichts über Bourdieu, wäre wahrscheinlich unreflektierter Alltagsrassist und Alltagssexist, würde meine Intelligenz nur bei der Arbeit ausbreiten...

Also muss ich wahrscheinlich „Danke“ sagen. Danke, dass du dich kaum an meiner Erziehung beteiligt hast.

Schreib-Challenge #2.2020 (Übersicht): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen?

Das neue Thema zu dieser Runde meiner kleinen Schreibaufgabe. In der Übersicht findet ihr die einzelnen Links zu den Beiträgen von meinen lieben Mitschreiberinnen und -schreibern. Dieses Mal mit von der Partie sind: David, Jenny, Lena, Sonja und ich. Also wieder eine satte Anzahl an verschiedenen Köpfen, Ideen und Herangehensweisen zu diesem neuen Thema. Ich würde meinen die insgesamte Länge ist bei diesem Thema etwas überschaubarer als zu letzt. Das tut dem ganzen aber natürlich keinen Abbruch und wir wünschen euch viel Spaß und Freude beim Lesen!

Hier die Links zu den einzelnen Beiträgen:

➽ David's Beitrag

➽ Jenny's Beitrag

➽ Joe's Beitrag

➽ Lena's Beitrag

➽ Sonja's Beitrag

Es ist die insgesamt fünfte Schreibaufgabe innerhalb des letzten Jahres. Ich bin immer wieder begeistert, dass sich so viele Schreiber/innen finden, die diese kleine Kreativ-Herausforderung und Schreib-Challenge mit mir bestreiten. Auf dass noch viele Themen und Aufgaben auf uns warten werden! Habt Dankt, ihr tapferen Schreiberlein!

Auf Bald - Joe

Mittwoch, 29. April 2020

Schreib-Challenge #2.2020 (Joe): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen?

 

(Wenn ihr diesen Beitrag über die Handy-/Mobil-Ansicht anschaut: Bitte einmal das Telefon querlegen, weil wegen der Spaltenbreite und der optimalen Darstellung!!)



Du bist
so schön grün.
Das bin ich ja auch schon,
sagte der kleine Spross und
blickte an dem dicken Stamm seines
Ursprungsträgers empor. So groß werde
ich auch einmal, freute sich der Ästling.
Gerade mal 20 cm aus der Erde empor,
wusste er schon ganz genau, was er wollte.
Und was er nicht wollte. Groß, grün, standhaft?
Unbedingt! Nur 3 Meter vom Ursprung entfernt zu sein?
...naajaa...dabei sah er ein großes Potential für Wünsche.
Wie sollte er denn etwas von der Welt sehen, würde
er ein ganzes Leben auf einer Stelle sein. Fest verankert.
Zwar völlig sicher und etabliert, aber dabei total unfrei und
in einem zu hohen Maße eingeschränkt. Gefangen
im Ursprung...war das der Weg? Der Spross wusste,
eigentlich wollte er weg...aber auch wachsen.
Es war eine merkwürdige Situation, so nah
und dennoch so fern zu sein. Fern von
                       den Möglichkeiten des Lebens,                  xx
der Veränderung und
des Potentials.
xx xy xx
Stamm-
Attri-
bute:
Fixie
rung.
Gefa
ngens
chaft.
Eins
chrän
kung.
Groß.
Fülle.
                            Zeit-                        xy
bestä
ndig.
Genü
gsam.
Leben
sraum.
Spender.
Wäre ich doch mal weiter
xy                        vom Stamm und aus den Ästen gefallen.                           xx
Hätte mich doch lieber der Wind verstreut oder ein Vogel mich getragen. Sähe ich nun nicht
die stet'ge Erinnerung, dass es anders sein sollte. Bin ich anders oder ist es das Leben?

Sonntag, 15. März 2020

Schreib-Challenge #1.2020 (Übersicht): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)

Schönen guten Tag!

Heute ist es wieder soweit. Ich darf mit Freude präsentieren: die Schreib-Aufgabe Nummer 1 im Jahr 2020 (#4 insgesamt), im Rahmen meines kleinen Blogs. Wie auch in den anderen Runden bisher geht es darum, dass wir mit mehreren Schreibern unabhängig voneinander ein Thema beschreiben, bearbeiten und zu digitalem Papier bringen. Das Thema wird jedes Mal von einer kleinen auserkorenen Runde separat von den Schreibern ausgewählt und dann geht's meist in einem Zeitrahmen von ungefähr vier Wochen an das Thema.

Die Ergebnisse zum heutigen Thema werden wie folgt nun hier lesbar sein. Und das Thema zu dieser Runde lautet:

Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)


Und hier die Links zu den einzelnen Beiträgen aller Schreiberinnen und Schreiber, die dieses Mal mitgemacht haben:

➽ David's Beitrag

➽ Eva's Beitrag

➽ Jan's Beitrag

➽ Joe's Beitrag

➽ Lena's Beitrag

➽ Sonja's Beitrag

Wie immer gilt großer Dank allen Beiteiligten für das emsige Mitwirken und Schreiben in dieser sehr heiteren Schreibrunde! David, Eva, Jan, Lena und Sonja, ich finde es großartig, was auch dieses Mal wieder bei der Schreibaugabe herumgkommen ist. Von Allem etwas, schön individuell und mit verschiedenen Herangehensweisen! Ich bin begeistert, sage danke und freue mich schon auf die nächste Runde und ein weiteres Thema, welches es dann zu beschreiben geben wird.

Viel Spaß mit allen Beiträgen und Eindrücken zum Thema "Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)!

Auf Bald

Grüße - Joe

Schreib-Challenge #1.2020 (Jan): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)

Die Wurzel der Affenhorde

Manche Freundeskreise bilden sich in der Schule und bleiben so zusammen. Andere zerstreuen sich komplett. Und manchmal bleiben fast alle da, studieren oder machen eine Ausbildung. Aber bleiben zu Hause. Fast alle. Nur einer geht, allein. Richtung Norden. „Hey, wie cool, wir kommen dich besuchen. Spätestens im Sommer.“ Drei Sommer vergehen. Drei mal war jemand da. Kurz. Für einen Tagesausflug. Nie zum Geburtstag, wenn er dafür nicht nach Hause kam. Immer wenn er zu Hause war, war für alle klar, dass man was zusammen macht. So wie früher. Dass er zu allen Geburtstagen extra zurück kommt.

Für sie hatte sich nichts geändert. Sie waren wie immer. Er war für sie wie immer. Der der er war, als er sich auf seinen Weg machte. Für ihn waren sie wie immer, aber er war nicht wie immer, nicht mehr der von früher. Sie verstanden nicht, dass er sich verändert hatte als er zurück kam. Er kam wieder, aber konnte mit den Leuten von früher nichts mehr anfangen. Er passte nicht mehr dazu. Da war kein Freundeskreis mehr. Er hatte den früheren Freundeskreis verlassen und nun ließ er auch den neuen aus der Studienzeit hinter sich. Wieder allein.

Der zweite Neuanfang fiel schwerer. Viel schwerer als der erste. Wieder am Ort von früher, an seinen Wurzeln. Die Wurzeln waren noch da, aber der Stamm, in dessen Krone er wie ein einzelner Affe saß, war sehr dünn geworden. Er brauchte dort lange, bis er verstand, dass er zu den Wurzeln, seinen Wurzeln, zurück musste. Sich selbst finden! Von dort einen neuen Stamm wachsen lassen! Eine neue Krone schaffen, in der er in seiner Affenhorde sitzen kann und sitzen bleibt!

(geschrieben von Jan)

Schreib-Challenge #1.2020 (Sonja): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)

Die kleine Maus

In einem weit entfernten Land lebte eine kleine Maus gemeinsam mit ihrer ganzen Familie in einer kleinen Höhle. Die kleine Maus war sehr gescheit und las sehr viel. So lernte sie andere Länder kennen und stellte sich oft vor wie es wohl wäre, wenn sie an einem anderen Ort leben würde. Ihr Vater war allerdings noch von der alten Schule und wollte nichts von anderen Ländern hören. Für ihn stand fest: Dies war seine Heimat und die seiner Familie, sie würden sie unter gar keinen Umständen verlassen. Jedes Mal wenn die kleine Maus anfing von anderen Orten zu schwärmen, machte er seine Meinung deutlich und wurde dabei jedes Mal lauter. Schließlich verbot er der kleinen Maus das Lesen und die Schwärmereien. Sie konnte sich allerdings nicht beherrschen und begann immer wieder mit diesem Thema. Sie wollte nicht ihr Leben lang in diesem trostlosen Ort und dieser Höhle leben. Sie war sich sicher, überall würde es besser sein als dort. Ihre Geschwister lachten sie aus, wenn sie sich wieder einmal in ihren Träumereien verlor. Nur ihre Mutter redete ihr gut zu und versicherte ihr, dass sich alles zum Guten wenden würde und sie alles erreichen könne, wenn sie nur genug daran glaubte. Eines Abends hatte ihr Vater wieder einmal sehr schlechte Laune und war über die Träumereien der kleinen Maus sehr erbost. Nach dieser Auseinandersetzung hatte die kleine Maus genug und wollte nicht länger unter dem Pantoffel ihres Vaters stehen. Sie wollte einen Neuanfang wagen, fern von ihrem Vater und ihren Geschwistern. Sie wollte mehr vom Leben. Als schließlich alle schliefen, packte sie ihre 7 Sachen zusammen und verließ ohne Abschied die Höhle. Sie machte sich auf den Weg zum Hafen, um mit dem Schiff zu einem der fernen Länder, über die sie so viel gelesen hatte, zu fahren. Sie erreichte den Hafen und ging unbemerkt an Bord. Während der Überfahrt dachte sie an die Dinge, die sie auf dem Weg bereits erlebt hatte. So gab es eine Begegnung mit einer streitsüchtigen Eule, der sie nur knapp entkam und sie schloss mit einem alten Kaninchen Freundschaft, das sie für eine Nacht bei sich aufnahm. Als das Schiff anlegte und sie von Bord ging wusste sie sofort: Hier würde sie bleiben. Sie suchte eine Unterkunft, fand aber keine und streifte deswegen auf den Wegen umher. Tage vergingen und sie begann zu zweifeln, ob es wirklich richtig war ihre Familie zu verlassen. Sie fühlte sich fremd und von den Bewohnern des Ortes nicht akzeptiert. Sie hatte sich große Hoffnungen gemacht, dass fern der Heimat alles besser werden würde und sie endlich das Leben führen würde, das sie sich immer gewünscht hat. Eines Nachts, als sie nicht schlafen konnte, schon aufgeben und zu ihrer Familie zurückkehren wollte, hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf, die ihr versicherte, dass alles gut werden würde. Sie solle nur noch ein bisschen Geduld haben. Durch die Stimme ihrer Mutter beruhigt schlief die kleine Maus endlich ein. Die Wochen vergingen und nichts änderte sich für die kleine Maus. Sie war für die Anderen nach wie vor die Maus mit dem seltsamen Akzent. Mit der Stimme ihrer Mutter im Kopf machte sie jedoch unermüdlich weiter. Sie streifte weiterhin im Ort umher, schlief mal hier mal da und aß was sie finden konnte. Am Ende eines besonders schweren Tages traf sie auf einen Kater, der sie mit zu sich nahm und sich um sie kümmerte. Erst hatte die kleine Maus Angst und wusste nicht, ob sie ihm trauen konnte. Doch schon bald erzählte sie ihm von ihrem Wunsch nach einem Neuanfang, dass sie Schwierigkeiten hatte sich einzuleben und dass sie nach mittlerweile 2 Monaten noch keine richtige Unterkunft hatte. Der Kater tat genau das was die kleine Maus so dringend benötigte: Er spendete ihr Trost, hörte einfach zu und versprach ihr bei der Suche nach Anschluss und einer Unterkunft zu helfen. Sie redeten lang an diesem Abend und schließlich erzählte der Kater seine eigene Geschichte. So stellte sich heraus, dass auch er seine Heimat verlassen und an diesem Ort noch einmal von vorn begonnen hatte. Ein paar Tage später hatte die kleine Maus mit Hilfe des Katers eine Unterkunft gefunden. Er stellte sie seinen Freunden vor, die die kleine Maus sofort in ihrer Runde aufnahmen. So wurde dieser Ort langsam immer mehr zu ihrer neuen Heimat und das Leben der kleinen Maus immer mehr zu dem was sie sich immer gewünscht hat. Natürlich vermisste sie manchmal ihre Mutter, doch sie wusste, dass ihre Mutter stolz auf sie ist, weil sie den erforderlichen Mut aufgebracht und einen Neuanfang gewagt hatte. Auch die kleine Maus war stolz auf sich, weil sie trotz mancher Zweifel nicht aufgegeben hat. Sicher lebte sie in der ersten Zeit unter widrigen Bedingungen, aber die vielen Erfahrungen und neuen Freundschaften machten all das wett. Niemals hätte sie gedacht, dass sie sich mit einem Kaninchen, einem Kater und einer ganzen Reihe anderer anfreunden würde. Doch sie hatte begriffen, dass es sich lohnt auch mal genauer hinzusehen. Es zählt nicht nur was man auf dem ersten Blick sieht, sondern auch das was sich im Inneren abspielt. Sie war sich sicher, dass sie, wenn sie die Anderen nur nach ihrer Herkunft und deren Aussehen beurteilt hätte, eine Menge bemerkenswerte Persönlichkeiten verpasst hätte. Wenn die kleine Maus in Zukunft gefragt wird, ob ihr Umzug ins Ungewisse Fluch oder Segen war, wird sie voller Überzeugung antworten können das beides zutrifft. Die erste Zeit war mit all den Hindernissen wie ein Fluch, da nichts sie darauf vorbereiten konnte, was sie an ihrem Ziel tatsächlich erwartete. Ganz egal wie viel sie im Vorfeld über die Orte las. Die soziale Komponente ist eben nicht vorhersehbar. Nachdem sie aber die Hindernisse überwunden und Anschluss gefunden hatte, eröffneten sich ihr all die Möglichkeiten, die sie sich immer erträumt hat. Sie war als Maus gewachsen, war nun stärker und unabhängiger als jemals zuvor. Und das würde sie gegen nichts eintauschen wollen.

(geschrieben von Sonja)

Schreib-Challenge #1.2020 (Lena): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)


Ich sitze auf meinem Bett in meinem Zimmer, eigentlich in unserem Zimmer. Die mir vertrauten vier Wände die ich mir jahrelang mit meiner Schwester geteilt habe. Egal wie sehr wir uns gestritten haben, egal wie sehr wir uns am Tag auf die Nerven gegangen sind, abends waren wir immer wieder hier, zusammen, meistens sogar im selben Bett. Ich schaue mich im Zimmer um. Jede kleine Macke, jeder Fleck, jedes Möbelstück und jedes Kuscheltier alles hier ist eine Erinnerung für mich. Ich bin 12 Jahre alt und ich hab überhaupt keine Ahnung was auf mich zukommt. Ich bin 12 Jahre alt und schwelge in Erinnerungen wie eine 80 Jährige Frau. Ich sitze in unserem Zimmer und schaue mich um, nehme die Farbe der Wand in mich auf, den Ausblick aus dem Fenster, die Vorhänge schrecklich hässlich aber trotzdem auch schrecklich vertraut. Ich schaue zu Tür und weiß um das Loch unter dem Pferdeposter, ich mag gar keine Pferde aber das Poster musste auch nur das Loch verdecken. Ich fühle mit meinen Füßen den Teppich, sehe die Wölbung, an der der Boden hoch kam weil wir mal wieder das Dachfenster bei Regen offen gelassen hatten. Ich erinnere mich an die Geräusche zwischen den Wänden, jede Nacht hörte man kleine Mäusefüße. Werde ich all das vermissen? Mama hat gesagt wir ziehen um, wir ziehen weiter weg, weg aus meiner vertrauten Umgebung. Was mich erwartet, ich weiß es nicht

Das neue Zimmer war anders, es roch noch fremd, es war noch ganz kahl und unbewohnt. Es waren zwar meine Möbel und es war meine Wandfarbe die ich mir ausgesucht hatte, aber es war mir noch fremd. Das Bett roch noch nicht so vertraut wie damals, der Boden war kühl unter meinen Füßen weil mir der Teppich fehlte. Etwas vermisste ich sogar das hässliche Pferdeposter. Als ich in meinem neuen Zimmer lag, in meinem Bett und an die Decke starrte, hörte ich leise die Heizung gluckern dieses Geräusch gab mir etwas Beruhigendes, es konnte vielleicht genauso vertraut werden wie die kleinen Mäuseschritte. Ich war in Gedanken versunken und hörte wie leise die Tür aufging, meine Schwester legte sich wortlos in mein Bett und es war wieder wie immer. 

Das neue Zimmer war meins geworden, neue Poster, dass selbe Chaos und vertraute Erinnerungen. Meine Gerüche, meine Klamotten, Türen knallen und meine Schwester die sich abends wieder in mein Bett schleicht. Ich hätte nicht damit gerechnet wie schnell mir das neue Zimmer so vertraut werden würde und wie schnell sich diese Vier Wände mit Leben und Erinnerungen füllen würden. 

Ich hab in meinem Leben schon viele Umzüge erlebt. Eigene, von Freunden, von Familie. Ein Umzug ist immer anstrengend aber ich schaue immer auch gerne genauer hin. Schau in die Gesichter, sieht man Hoffnung, Erwartung, Angst, Nervosität. Wie geht es den Leuten die umziehen, wie geht es mir wenn ich umziehe, was macht dieser Einschnitt mit einem und vor allem was macht man selbst daraus. Keiner weiß wirklich was einen Erwartet, es ist immer eine Unbekannte Situation. Wird wirklich alles so wie ich es mir erhoffe? Wird es besser, schlechter oder ganz anders? Auch wenn man weiß wo man hinzieht weiß man doch irgendwie nicht wo man hinzieht. Wie sind meine Nachbarn, wie ist die neue Umgebung, wie ist meine Wohnung. Werde ich mit all dem fertig? Was man aber immer in allen Gesichtern sehen kann ist der Wille die Situation zu meistern, die neue Umgebung zu meistern. Wie das letztendlich aussieht hängt von jedem selbst ab.

Der Umzug den ich am Anfang beschrieben habe, war sicherlich der einschneidenste Umzug. Ich verließ den Ort in dem ich aufgewachsen bin, den Ort an dem ich meine Kindheit verbrachte, wo meine Freunde lebten und den ich so gut kannte. Der Umzug bei dem ich kein Mitspracherecht hatte. Ich musste mit, was hatte ich für eine andere Wahl. Aber was macht sowas mit einem?

Kann man pauschal immer sagen Fluch oder Segen? Ich persönlich nicht. Ich hab gute und schlechte Erfahrungen gemacht nach diesem Umzug. Ich hab mich mal verloren und entwurzelt gefühlt aber oft auch so Zuhause wie an keinem anderen Ort. Ich hab einen Neuanfang mit neuen Freunden gemacht, meine alten völlig vergessen. Mich mit meinen neuen Freunden gestritten und meine alten schrecklich vermisst. Es war ein auf und ab, gute und schlechte Tage aber ich glaube das wäre auch an jedem anderen Ort so gewesen. Wäre ich in meiner Heimat geblieben hätte ich auch dort solche Tage und Situationen gehabt da bin ich absolut sicher.

Ich bin der Meinung ein Umzug kann alles sein, es ist wichtig was man daraus macht und wichtig das man alle Momente lebt und herausfindet was der neue Ort und die neue Situation für einen bereit hält. Beschäftigt man sich zu sehr mit der was wäre wenn Frage, macht man sich zu viele Gedanken, lebt in der Vergangenheit und stellt immer wieder Entscheidungen in Frage vergisst man zu leben. Dann verpasst man Möglichkeiten, Situationen und Menschen, wenn man will kann man überall glücklich werden und wenn nicht zieht man um und fängt wieder neu an. :)

(geschrieben von Lena)

Schreib-Challenge #1.2020 (Eva): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)



Sie standen zusammen in dem großen Garten.
Sie sagte nein, doch Er wollte es haben.

Dieses Haus, ramponiert und kaputt,
es wurde viel getan und überall Schutt

Im ersten Jahr hat Er noch viel getan,
man hatte den Eindruck er hätte nen Plan.

Dann kam das erste kleine Glück
und Er fand zu altem Verhalten zurück.

Es wurde sehr unschön und schmerzhaft für Sie,
doch sie fand trost in der Kleinen wie nie.

Dann kam das süße zweite kleine Glück,
doch nun wurde er nur noch mehr verrückt.

Die Zeit war dunkel, voller Schmerz und Zorn.
Sie trennte sich und blickte endlich nach vorn.

Doch war sie immer noch in diesem Haus gefangen,
wäre doch statt Ihm lieber Sie gegangen.

Zwei Jahre später dann schaffte Sie es,
allerdings war der Umzug schon ganz schöner Stress.

Drei Jahre später brachten Sie Umstände zurück.
Erinnerungen kamen wieder Stück für Stück.

Die Dunkelheit von früher machte sich in Ihr breit,
doch nun, drei Jahre später hat sie sich endlich befreit.

Das Haus ist verkauft und sie ist endlich frei,
doch erinnert sie sich kurz an den 1. Mai.

Sie saß in dem Garten ganz allein,
umgeben von Schafen und Hunden im Mondenschein.
Ihre Kinder hatten hier ihre ersten Schritte getan
die ersten Worte gesprochen und es kam der erste Zahn.
Vieles ist in diesem Haus geschehn,
vieles will Sie nie wieder sehn.

Und so steht sie ein letztes Mal in diesem Garten, wo alles begang,
doch nun ist es endlich Zeit für einen richtigen Neuanfang.

(geschrieben von Eva)

Schreib-Challenge #1.2020 (David): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)

Entwurzelt

In meiner Kindheit sind wir oft umgezogen. Mein Vater war Journalist, häufige Ortswechsel brachte der Beruf mit sich. Geboren wurde ich in Dortmund. Erinnern kann ich mich wahrlich nicht daran, denn kurz darauf zogen wir nach Grafing, bei München. Auch daran kann ich mich kaum erinnern, ich war ein Kleinkind. Lediglich aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ich die Erzieherin des katholischen Kindergartens immer „Schwester Rosine“ nannte, obwohl sie doch Rosina hieß.
Wir zogen irgendwann wieder nach Dortmund. Aus dieser Zeit habe ich nur Erinnerungsblitze im Gedächtnis, nichts Konkretes. Ich weiß, dass die Kindergärtnerin ätzend war. Dass sie mir immer mein Spielzeug wegnahm. Ich weiß, dass sie eine dicke Frau mit grauen Haaren und Brille war. Zumindest sagt mir das meine Erinnerung.

Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir nach Schwerte. Wir hatten ein Haus, mit Garten, in einer Spießbürgersiedlung voll von absurden Gestalten, die ihren Rasen mit dem Lineal messen mussten, nachdem sie ihn gemäht hatten. Ich hatte einen Dauerkrieg mit dem Nachbarsmädchen und einen einzigen Freund. In der Schule wurde ich gemobbt, ich bekam meine ersten allergischen Erfahrungen – alles in Allem keine gute Zeit.

Wir zogen wieder nach Dortmund. Ich muss 15 gewesen sein.
Und seitdem lebe ich in Dortmund.
Der Punkt ist: ich habe mich nie entwurzelt gefühlt. Denn – seien wir ehrlich – eine besondere Bindung zu den Orten, an denen ich zuvor gelebt hatte, habe ich sowieso nie aufgebaut. Dort lebten die falschen Menschen.
Das erste Mal, dass ich mich entwurzelt gefühlt habe, war eine ganz andere Geschichte.

Zuerst kam Hotte nicht wieder. Normalerweise trafen wir uns Abends, Hotte, Manuel, Pauline und ich. Andere waren auch zuweilen dabei, aber das war der Kern der Gruppe. Wir entschieden dann, was wir machen wollten. Mal war es Blödsinn, mal war es sinnvoll. Aber Spaß hat es immer gemacht.
Irgendwann kam auch Pauline immer seltener. Erst fehlte sie einmal, dann zweimal, dann war sie plötzlich weg. Wie ein nächtliches Gespenst, das nach dem Aufwachen noch neben deinem Bett zu stehen scheint, nach einem Blinzeln aber verschwindet.
Manuel kam als nächster nicht wieder. Man muss wissen, dass er mit Pauline zusammen war. Einige Zeit kam er noch öfter zu unseren Treffen, aber irgendwann war auch er weg. Nebel im Wind.

„Ganz schön unkonkret,“ werden einige von euch nun sicher denken.
Und sie haben recht.
Denn die Leute, die da nach und nach verschwanden, kannte ich kaum „in echt.“ Sie waren Mitglieder in einer Gilde.
In einer Gilde aus World of Warcraft.
Natürlich sind sie nicht wirklich verschwunden. Sie kamen einfach nicht mehr online. Zu jener Zeit gab es ein Konkurrenzspiel namens Aion. Lange hatten sie schon damit geliebäugelt, und am Ende werden sie wohl dahin gewechselt haben. Zumindest war das damals meine Vermutung.
Zuerst kamen sie immer seltener online, dann, irgendwann, überhaupt nicht mehr. Zurück blieb ich mit einer Gruppe von Spieler*innen, die ich kaum oder gar nicht kannte. Wie im echten Leben, so knüpft man auch online seine Sympathien ungerecht. Und wo im echten Leben das Gesicht, so hilft online die Stimme, das digitale Gegenüber nicht nur einzuordnen, sondern auch dabei, es zu mögen (oder auch nicht, aber das spielt für diesen Text keine Rolle).

Ich erinnere mich noch, wie sie mich für die Gilde rekrutierten. Ich kam als Außenseiter („Random“) auf ein Gruppenevent (Raid) mit, das deren Gilde durchgeführt hatte. Ziel war es, den Drachen Sartharion zu töten.
Ich war, wie bei solchen Raids üblich, aus ganz eigennützigen Zielen mitgegangen. Ein wenig an der Beute des Drachen teilhaben, etwas Erfahrung sammeln, solche Dinge eben. Mit Gilden hatte ich nichts mehr am Hut, denn meine Erfahrungen mit einer stalkenden, psychopathischen Gildenleiterin hatten mir vorerst die Lust auf Gesellschaft verdorben. Und so tingelte ich mehr oder weniger heimatlos, wie eine Art Söldner über den Server.
Bis zu diesem Tag, an dem wir Sartharion umboxten. Der Raid lief beileibe nicht so einfach. Die eine oder andere brenzlige Situation rettete ich dank der Fähigkeiten meines Spielcharakters. Der Paladin kann zum Glück von allem etwas und das nutzte ich auch aus.Draufhauen, Heilung, Charaktere vor Schaden bewahren – ich konnte das Spektrum in seiner Gänze anwenden.
Am Ende lag das Drachenvieh am Boden und es wurde Beute verteilt. Ob ich etwas bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Was ich aber bekam war ein Gespräch mit Manuel und Pauline - die Namen sind hier geändert, denn die Spielcharaktere hießen Maruviel und Palani.
Kurz darauf war ich Mitglied in deren Gilde. Es war die einzige Online-Gemeinschaft, in der ich über lange Zeit aktives Mitglied sein sollte. Ich war zuvor nie lange in Online-Gruppen – viele nehmen sich selbst oder das Spiel zu ernst, andere sehen sich nur als Gemeinschaft für das Austauschen stumpfer, sexistischer, rassistischer oder wie auch immer gearteter billiger Witze. Ich sollte auch danach nie wieder eine Gruppe finden, der ich mich über einen längeren Zeitraum anvertrauen sollte.
Manche Leser werden bereits an der Stelle aufgegeben haben, an der ich einräumte dass es hier um ein Online-Erlebnis geht.

Manche werden weiter gelesen haben und den Kopf schütteln. Wie kann man nur so eine Wertbindung für ein Spiel entwickeln?
Aber ich habe diese Bindung gar nicht für das Spiel entwickelt.
Sondern für die Menschen, mit denen ich es gespielt habe.
Genau wie mit Personen aus dem „echten“ Leben, hatte ich auch mit diesen Menschen tolle, witzige, traurige, ärgerliche, schöne und tragische Momente. Und ich habe an diese Zeit in World of Warcraft bessere und konkretere Erinnerungen, als an weite Teile meiner Kindheit. Zum Beispiel folgende Anekdote: als wir eine anspruchsvolle Instanz machen wollten (ein Event für fünf Spieler, bei denen man verschiedene Gegner in einem Labyrinth aus Gängen findet und tötet), und vor einem großen Raum voller Feinde standen, die Halle so hoch, dass wir ihre Decke nicht sehen konnten, die Gegner so zahlreich, dass wir sie kaum zählen konnten, machte sich unser Krieger, Frontkämpfer und Anführer Maruviel bereit, die erste Gruppe von Gegnern aufs Korn zu nehmen. Wir warteten bereit, auf sein Zeichen loszustürmen – als plötzlich mein Kater Louis über meine Tastatur lief. Meine Spielfigur joggte vorwärts und hatte im Nu alle Gegner der Halle auf sich aufmerksam gemacht.
Unsere Charaktere waren in Sekunden tot.
Unser Lachen im Voicechat erstarb für Minuten nicht. Mein Fluch und mein wütender Ausruf „LOUIS!“ waren seither ewiges Gesprächsthema.

Ein anderes Mal wollten wir auf ein PVP (Player vs. Player)-Schlachtfeld. Wir alle waren mies darin, gegen andere Spieler anzutreten. Gegen den Computer? Ja, bitte! Aber gegen andere Spieler? Naja...
Wir wurden richtig böse verhauen. So muss sich die Hörde-F-Jugend fühlen, wenn sie gegen die Nationalmannschaft antritt.
Aber es war lustig. Wir machten sogar eine Challenge daraus, wer von uns am häufigsten sterben würde.

Und irgendwann waren sie alle weg, meine Mitspieler*innen. Geblieben waren nur ein paar Anekdoten.

Es geht um Entwurzelung. Ich könnte jetzt, nur für WoW-Kenner, eine Referenz einbauen, die sich auf die Wurzeln-Fähigkeit des Druiden bezieht. Aber das lasse ich an dieser Stelle.
Entwurzelt bist du nicht unbedingt, wenn du einen Ort verlässt. Die Metapher täuscht hier. Denn Menschen können ebenso gut wie Orte binden und im Internetzeitalter können sie überall sein. Entwurzelt bist du, wenn ein Ort dir keinen Grund mehr gibt, deine Wurzeln erneut in ihm zu schlagen.
Der Ort war World of Warcraft.
Aber die Erde, die dort meine Wurzeln hielt, waren die Menschen.

Freitag, 13. März 2020

Schreib-Challenge #1.2020 (Joe): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)



Entwurzelung: seine Basis nehmen, die über Jahre oder Jahrzente hinweg an einem bestimmten Ort tiefe Verankerungen geschlagen hat und aus der Erde ziehen, um sie woanders neu zu pflanzen...

Dann haste da deine Wurzeln in den Fingern und fragst dich: "Wo packe ich die nun am besten wieder so in Erde, dass sie direkt und unbekümmert wachsen, gedeien und einen neuen Anker schaffen können?" Die Antwort ist meistens: es ist nicht damit getan, die Wurzeln einfach zu nehmen und woanders wieder auf Anhieb wachsen lassen zu können. Solche Wurzeln brauchen nun mal einen Nährboden, Energie, Zuversicht und Zeit. Und da man sich - wenn man sich dafür entscheidet, einen Neuanfang an einem anderen Ort zu wagen - ersteinmal aller bisherigen Gundlagen enthebt, ist der Name Neuanfang immer ein wichtiger und wertiger Begriff, der genau so genommen und umgesetzt werden sollte, wie es seine Bedeutung hergibt! So ein Umzug - und ich spreche jetzt nicht von einem "handelsüblichen" Umzug, sondern von einem bewussten "Dinge hinter sich lassen und neu anfangen" - ist in jedem Fall eher ein Toblerone-Essen als ein Zucker-Schlecken. Etwas Unbekanntes ergründen, erfahren und leben...es könnte aber kantig werden und unter Umständen am metaphorischen Gaumen kratzen. In den meisten Fällen hängt wahrscheinlich doch sehr Vieles an den Wurzeln dran, was entweder noch abgeschüttelt oder irgendwie mitgenommen wird. Ausnahmen bestätigen natürlich diverse Regeln.

Da ich mit der Ergründung der Themen für die Schreib-Challenges ja nie etwas zu tun habe, muss ich aber nach vier Runden wieder feststellen: irgendwie passen die Themen immer super in mein Selbst. (Nochmal kurz "Danke Gremium"!! für die gute Auswahl und Identifikation) Auch zu dieser Überschrift herrscht in mir aktuell - seit geraumer Zeit - eine Auseinandersetzung mit genau diesem Thema.

Die Idee, hier in Deutschland meine Zelte abzubauen und - wie sollte es anders sein - in Griechenland neu aufzuschlagen, herrscht nun doch schon etwas länger in mir. Ich habe in den letzten Monaten sehr sehr häufig darüber nachgedacht und tue es weiterhin. Aber es ist alles nicht mal eben so getan. Gerade die wirtschaftliche Lage vor Ort erschwert einen Neustart ersteinmal. Ich mein', klar, man kann auch so frei im Kopf sein, dass man etwaige Unsicherheiten und Risiken völlig außer acht lässt und einfach ins kalte Wasser springt. Aber so naiv kann und will ich dabei nicht denken. Ich habe hier in Deutschland zwar keine großen Verpflichtungen oder Abhängigkeiten, an die ich gebunden bin oder die mich zwingend halten aber ein unbedachtes Herangehen wird einer solchen Entwurzelung in meinen Augen nicht gerecht. In den letzten Monaten hat sich zudem ja auch einfach diese wahnsinnig wundervolle Verbindung zu meinem Glück entwickelt, so dass ein Teil von meinen - man könnte sagen: neuen Wurzeln - schon vor Ort ist. Eine emotionale, bekannte und erstrebenswerte Basis, die einfach gegeben ist. Das ist super viel wert und macht Einiges einfacher, denke ich. Und da es sich jedes Mal, wenn ich bisher in diesem wunderbaren Idyll zugegen war, völlig toll anfühlte und diese komplett andere Umgebung, dieses Leben, das Reduzierte, diese Ruhe so erfrischend anders sind, fühlt sich ein Gedanke an vor Ort in so vielerlei Schicht einfach richtig und gut an. Das Fernweh existiert und es ruft immer wieder!

Ist eine Entwurzelung und ein Neuanfang im Unbekannten eher Fluch oder Segen? Ich muss für meinen Teil sagen, es ist ein Segen, wenn man die Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen kann und so frei in sich ist, tatsächlich seine Wurzeln neu anordnen zu können. Ein Neuanfang kann grundsätzlich enorm viel Energie auslösen. So etwas bedarf aber eben auch einem, meist großen, Energieaufwand, um es überhaupt umzusetzen. Aber er tut gut, er gibt neuen Elan, wenn er mal fehlte. Es sind neue Erfahrungen und neue Erfahrungen im Leben gemacht zu haben, sollte immer erstrebenswert sein. Ich finde es weiterhin aber auch sehr mutig und beachtlich, wenn Menschen sich dazu entscheiden und es einfach durchziehen und sich in ein neues Leben einarbeiten. Christina mou, Sascha, ihr habt seit geraumer Zeit meinen größten Respekt!

Ich war selbst lange nicht in der Lage, ernsthafte Gedanken an Neustarts zu hegen (Depressionen ließen grüßen) aber weiterhin, eigentlich schon das ganze letzte Jahr, fühlen sich auch solche Gedanken und Potentiale für die Entwicklung eines Lebens wahrhaft leicht, aber dennoch nicht naiv an. Es ist wunderbar, wenn man sieht welcht Möglichkeiten es einfach gibt. Und ja, mit Zuversicht und Ambition ist wirklich Einiges bis fast Alles möglich. Wenn ich an einen Neustart oder eine Entwurzelung denke, darf diese einfach auch niemals als Fluch empfunden werden. Sonst wäre eine solche Aktion eher kontraproduktiv bis einschränkend, was das eigene Ausleben angeht. Also: definitiv pro potentielle Entwurzelung und Erleben von Möglichkeiten! Segen, ganz eindeutig!

(geschrieben von Joe)

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Schreib-Challenge #3.2019 (Übersicht): Depressionen und das Öffentlichmachen

"Depressionen und das Öffentlichmachen" (Übersicht)



Hallo und herzlich Willkommen zur dritten Runde der Schreib-"Challenge". Für ein letztes Mal in diesem Jahr heißt es: viele Schreiber, ein Thema. Das Gremium, welches für uns die Themen sondiert und auswählt war wieder fleißig und hat auch dieses Mal ein Thema gewählt, was wieder einiges an Umfang beinhalten kann, wenn man will. Es geht um "Depressionen und das Öffentlichmachen" Dieser. 

Ich bin wieder einmal sehr gespannt, wie diese Aufgabe von meinen Mitschreibern angegangen und gelöst werden wird. Dieses Mal haben wir insgesamt fünf Schreiber mit an Bord. David und Lena sind bisher an allen Aufgaben beteiligt gewesen und nun auch wieder mit dabei. Bei Caro hat es leider dieses Mal nicht geklappt. Hinzu gesellt sich ein mysteriöser Schreiber, dessen Identität noch geklärt wird. (Alle Schreiber sind aus der FB-Gruppe des 1 live Freundeskreises, in der ich den erneuten Aufruf gestartet habe).
Die Idee der Schreib-"Challenge" ist ja, dass der Ansatz und das Herangehen an das zu beschreibende Thema völlig im Ermessen des Schreibers liegt. So wird es wieder interessant zu lesen und sehen sein, wie das Thema individuell behandelt und bearbeitet wird. 
Ich bedanke mich schon einmal recht herzlich für das erneute, zahlreiche Mitwirken bei euch Schreibern und danke auch euch, Lesern, dass ihr den Weg hier her gefunden habt, um zu sehen, was die dritte Runde dieser kleinen aber sehr feinen Schreib-Aufgabe mit sich bringen wird. 
Die Challenges werden im neuen Jahr auf jeden Fall weiter fortgeführt werden! Denn es ist, wie ich finde, eine ganz wunderbare Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen, Ansätze und Gedanken aus unterschiedlichen Geistern zusammen zu führen und mehr als einen Einblick in ein Thema zu erlangen. 

Hier, unten im Beitrag, findet ihr die Übersicht und die Einzellinks zu allen Beiträgen.


Viel Spaß beim Lesen und eine gute Restzeit in diesem Jahr.

Bis bald - Joe


➤ Schreib-Challenge #3.2019 (David): Depressionen und das Öffentlichmachen

➤ Schreib-Challenge #3.2019 (Joe): Depressionen und das Öffentlichmachen

➤ Schreib-Challenge #3.2019 (Lena): Depressionen und das Öffentlichmachen

➤ Schreib-Challenge #3.2019 (Mystery): Depressionen und das Öffentlichmachen



Schreib-Challenge #3.2019 (David): Depressionen und das Öffentlichmachen


Depressionen und das Öffentlichmachen
 

Ein kleines Drama in fünf Akten
Basiert auf der Kurzgeschichte „Fertig zum Aufgeben“ von Fritz Popp.

Triggerwarnung: Dieses Drama behandelt Themen wie Gewalt in der Familie, Selbstmord und Depression.

1. Akt
Vorfreude

1. Aufzug
Das Ehepaar Georg und Adelheid Kuschinski sitzt im düsteren, penibel symmetrisch eingerichteten Esszimmer zusammen beim Mittagessen.
Georg: Hast du schon unsere Abendgarderobe aus der Reinigung geholt?
Adelheid: Das werde ich heute Nachmittag tun.
Georg: Vergiss das bloß nicht! Darauf haben wir mehr als zehn Jahre gewartet. Reich mir das Salz.
Adelheid: Nein, ich vergesse es nicht.
Sie reicht ihm das SalzGeorg: Wenigstens Sebastian hat nach all den Jahren noch seinen Weg gefunden. Aber du kannst immer noch nicht die Suppe richtig würzen. Na, ich denke, in jeder Familie gibt es ein paar Probleme.
Adelheid erwidert nichts. Langes Schweigen. Man hört nur das rhythmische Schlürfen von Georg.
Georg: Ich wusste immer, was am besten für den Jungen ist. Du wolltest ihn verwöhnen, weißt du noch? Aber ich wusste, er braucht eine strenge Hand. Damit was aus ihm wird. Dr. med., Adelheid! Stell dir mal vor, wir hätten ihn machen lassen, was er wollte! Kinder kommen immer auf so schrecklich dumme Ideen.Er lacht kalt, freudlos und höhnisch.Stell dir mal vor, wir hätten ihn machen lassen. Stell dir mal vor, du hättest das Sagen gehabt. Dann wäre er jetzt Kellner...
Adelheid: Koch. Er wollte Koch werden.
Georg: Dann eben Koch. In irgend so einem runtergekommen Restaurant. Oder vielleicht in einer Imbissbude! Stell dir das mal vor! Pommes Currywurst rot weiß! Gut, dass der Junge mich hatte!
Adelheid: Naja, der Junge von den Müllers hat Restaurantfach gelernt und jetzt sein eigenes Restaurant...
Georg: Ach was, nichts gegen unseren frisch gebackenen Dr. med.! Jetzt haben alle unsere Söhne ihre Promotion, Adelheid! Was ist schon ein Restaurant dagegen?
Adelheid: Naja, ich meine ja auch nur, dass es dem Jungen wohl gut geht damit.
Georg: Und wenn schon, unseren geht es besser. Gut, dass ich da war, damit Sebastian was Sinnvolles aus seinem Leben macht. Gut, dass ich da war.
Georg schlürft seinen letzten Löffel und steht dann auf.Georg: Du musst übrigens noch hier sauber machen, wenn die Jungs heute Abend kommen.

1. Akt, 2. AufzugAdelheid ist alleine und beginnt den Tisch abzuräumen.Adelheid (Monolog): Ich weiß ja, dass er recht hat. Georg hat es immer nur gut gemeint mit den Jungs, damit mal was aus ihnen wird. Als Mutter will man seine Jungs immer nur beschützen. Aber Georg wusste, dass das Leben es nicht gut meint mit einem. Georg hat das Herz am rechten Fleck. Aber manchmal muss man Kinder eben zu ihrem Glück zwingen. Ich war für sowas immer zu weich. Da war's schon gut, dass Georg da war und die Jungs auf den richtigen Weg gebracht hat. Auch, wenn es mir im Herzen weh tat. Adelheid ist mit dem Abräumen fertig und beginnt eifrig, den Raum zu putzen.Adelheid (Monolog): Bei Sebastian war er besonders streng. Das ging aber auch nicht anders. Der Junge wollte immer nur das Schlechteste für sich selbst. Wollte die Schule nicht zu Ende bringen, stell sich das mal einer vor. Zum Glück hat Georg ihm gezeigt, wo es lang geht. Und so schlimm war die Dresche auch nicht. Manchmal braucht es einen Satz heiße Ohren, damit das Köpfchen wieder abkühlt.

2. Akt
Familienidylle

1. Aufzug
Es ist Abend. Familie Kuschinski sitzt fast komplett in dem symmetrisch eingerichteten Esszimmer mit den dunklen, schweren Möbeln. Georg, Adelheid und ihre drei ältesten Söhne Jan, Andreas und Frederick. Vater Georg sitzt am Kopf des Tisches. Ein Stuhl ist leer. Adelheid deckt gerade etwas Wurst und Käse auf.
Jan: Kommt Sebastian nicht?
Adelheid: Der Junge kommt erst morgen. Irgendwann am frühen Abend.
Jan: Wird er es dann pünktlich zur Promotionsfeier schaffen?
Georg: Dem werde ich Beine machen, zur eigenen Promotionsfeier zu spät zu kommen!
Jan: Beruhige dich, er wird schon auftauchen.
Andreas: Na, wundern würd's mich nicht, wenn der zu spät kommt. Mit seinem Abschluss war er ja auch ziemlich spät.
Adelheid: Noch jemand etwas Fleischwurst?
Jan: Na und? Ihm ist wenigstens nicht die Frau schon nach einem Jahr weg gelaufen.
Andreas: Er hat auch keine.
Jan: Da ist er schon mal klüger als du.
Adelheid: Ich habe noch Salami im Kühlschrank.
Andreas: Sie hat sowieso nicht zu mir gepasst.
Jan: Du meinst, weil...
Georg: Jan! Lass deinen Bruder in Ruhe. Der hat alles richtig gemacht. Soll dieses Flittchen doch bleiben wo der Pfeffer wächst.
Adelheid: Wartet, ich habe noch Räucherschinken.
Frederick: Kann ich hier übernachten? Ich habe kein Hotelzimmer mehr bekommen.
Andreas: Du warst schon immer schlecht organisiert.
Georg: Ausnahmsweise. Aber du musst dein Leben endlich in den Griff kriegen.
Frederick: Ja, Vater.
Jan: Frederick hat inzwischen seine eigene Anwaltskanzlei. Er ist organisiert genug, würde ich sagen.
Georg: Ordnung kann nie genug sein. Glaubst du, ich wäre Volksschullehrer geworden, wenn ich so ein Chaot wie du gewesen wäre?
Andreas: Sicher nicht!
Georg: Mein Vater ist noch in den Kohleschächten rum gekrochen. Was meint ihr, wie stolz der war als sein Sohn was aus sich gemacht hatte. Und ich hatte das nicht so einfach wie ihr, glaubt das ja nicht! Wir waren bettelarm, Vater kam nur zum Schlafen nach Hause! Aber Mutter konnte wenigstens die Suppe richtig salzen.
Adelheid: Ich habe noch Fleischsalat da.
Frederick: Es ist gut, wir wollen nicht streiten. Wir sind zum Feiern hier. Mutter, wo hast du den Korn hingelegt? Ich möchte auf die Promotion von Sebastian anstoßen.
Adelheid: Wo er immer ist, mein Junge.
Georg: Deine Mutter kann in ihrem Haus den Schnaps selber holen.
Adelheid steht auf und holt den Schnaps. Danach stoßen alle an.

 
2. Akt, 2. AufzugFamilie Kuschinski ist inzwischen größtenteils zu Bett gegangen. Nur Jan und Frederick sitzen bei einer halb geleerten Flasche Korn noch am Esstisch.
Jan: Dieser scheiß Kerl...
Frederick: Du meinst Vater? Oder Andreas?
Jan: Beide, würde ich sagen.
Frederick: Ach Jan, lass dich nicht immer so runterziehen. Wir sehen die beiden einmal im Jahr, wenn's hochkommt zwei mal.
Jan: Darauf trinke ich. Prosit!
Frederick: Prosit!
Jan: Hast du mal mit Sebastian gesprochen, in letzter Zeit?
Frederick: Nee, wollte ihn nicht ablenken. Wir wissen doch alle, wie schwer so ein Dr. ist.
Jan: Ich hab' vor 'ner Woche mit ihm telefoniert. Er klang etwas melancholisch.
Frederick: Sebastian klingt immer melancholisch.
Jan: Schon, aber ich dachte, wenn er endlich das Studium fertig hat, wird das besser. Endlich der Druck vom Alten weg, du verstehst?
Frederick: Wer versteht das, wenn nicht wir? Prosit auf den Druck! Prosit!
Frederick: Wir sollten schlafen gehen. Müssen doch morgen präsentabel sein.
Jan: Einen noch. Prosit!
Frederick: Prosit!
 

3. Akt
Rache

1. AufzugSebastian Kuschinski betritt das leere Esszimmer mit seinem Koffer in der Hand.Sebastian (Monolog): Hier bin ich also. Es sieht aus wie immer. Wie aus einem Geometrie-Lehrbuch. Vaters Lieblingsraum.
Er schreitet im Zimmer umher.Sebastian (Monolog): Zehn Jahre ist es jetzt her. Es war in diesem Raum, als Vater mir den Brief von der Uni vorlas. Zum Studium zugelassen. Er war überglücklich. Ich am Boden zerstört.Er rückt einen der perfekt am Tisch stehenden Stühle ab.Sebastian (Monolog): Hier hat er mich verprügelt, als ich die Siebte abbrechen wollte. In die Lehre wollte ich gehen, sagte ich. Vaters Argumente waren echte Knochenbrecher. In der Schule musste ich natürlich bleiben. Mitschreiben konnte ich aber für zwei Monate nicht.Er kippt den Stuhl um.Sebastian (Monolog) Der gebrochene Arm war schlimm. Sein Hohn war schlimmer. „Koch ist doch kein Beruf! Mein Sohn wird keine Küchenratte!“
Mutter stand daneben. Die Hände wie eine Nonne im Gebet gefaltet. Den Blick gesenkt. Auf den Boden. Nonnen schauen nicht auf den Boden. Sie schauen in den Himmel.
Für die Uni hatre ich kaum Kraft. Jeden Morgen stand ich auf. Jeden Morgen ging ich dort hin. Lernte. Aß. Schlief. Alles grau. Alles elend. Alles Zwang. Alles für den Traum eines anderen.
Sebastian beginnt wild, die Möbel umzuwerfen.
Sebastian (Monolog): Zehn Jahre hatte ich, um meine Rache zu planen, Vater! Sieh, wie das Wichtigste in deinem Leben in Trümmern liegt!
Er reißt den Lampenschirm von der Decke, darunter kommt ein schwerer schwarzer Eisenhaken zum Vorschein.Sebastian (Monolog): Das Ende deiner Träume, Vater, ist in diesem Koffer. Er holt eine schwarze, stabile Wäscheleine hervor. Ein Ende ist bereits wie ein Strick geknotet. Er befestigt die Leine an dem schwarzen Haken und stellt sich auf einen der dunklen Esszimmerstühle, die Schlinge um den Hals.

 
4. Akt
Chaos für Mama

1. Aufzug
Jan: Was tust du da, um Himmels Willen!
Frederick: Schnell, halt ihn auf!
Sebastian: Wieso... ich dachte, niemand wäre im Haus?
Jan: Frederick, halte ihn fest... genau so.
Sebastian: Lasst mich los!
Frederick: Wehr dich nicht, der Strick ist schon gelöst. Und jetzt setz dich.
Sebastian:
schluchztJan: Ein Glück waren wir hier.
Frederick: Gut, dass du mich besucht hast. Sebastian, sag' mal, spinnst du?
Sebastian: Ihr habt alles verdorben!
Frederick: Was verdorben? Bist du noch bei Trost?
Jan: Komm, Freddy, tu nicht so, als hättest du noch nie darüber nachgedacht.
Frederick: Naja, aber...
Andreas betritt den RaumAndreas: Vater und Mutter warten schon im Auto auf... oh...
Jan: Verschwinde, Andreas.
Frederick: Und kein Wort zu Vater!
Andreas: Wovon? Dass dieser Hanswurst sich aufhängen wollte? Wie erbärmlich!
Jan: Vater ist nicht hier. Du brauchst niemandem in den Arsch kriechen.
Andreas: Jaja, ihr seid die armen Geschlagenen. Schon klar. Papi hat euch nicht lieb. Aber soll ich euch mal was sagen?! Ihr habt alle noch die beste Karte erwischt. Jeder von euch!
Frederick: Ach, Andreas, siehst du denn nicht...
Andreas: Halt dein Maul, Frederick! Halt dein verdammtes, diplomatisches Maul, hörst du?! Du hast Jura studiert, hast deine eigene Kanzlei. Wie oft ruft Vater dich an, hm?
Jan: Mach mal halbla...
Andreas: Und du?! Der geliebte Älteste! Ökonomie studiert, dickes Auto, Liebling vom Chef! Wie oft ruft der Alte dich an? Na los!
Jan: Ich...
Andreas: Ich sage euch was: Mich ruft er jede Woche an! Wann ich endlich Rektor werde, will er wissen. Warum meine Frau mich verlassen hat. Ob ich aus meinem Leben noch was machen will!
Jede Woche! Und das nur, weil ich auch Lehrer geworden bin. In seine Fußstapfen bin ich getreten und damit sein Spiegelbild! Und du willst dich umbringen? Du hattest zehn Jahre deine Ruhe vor Vater! Ich bekomme alles ab! ICH!
Sebastian: Ich wollte mich doch nur rächen.
Andreas: Rächen? Weißt du was eine gute Rache gewesen wäre?! Wenn du Vater heute gesagt hättest, dass du auf deinen Doktortitel scheißt und eine Lehre als Koch anfängst!
Betretenes Schweigen
Frederick: Wisst wir, was wir jetzt machen? Wir gehen einen saufen. Auf meine Rechnung.
Jan: Was ist mit dem Chaos hier?
Andreas: Lass Mutter das aufräumen. Das macht sie doch schon immer für ihn.
Jan: Sebastian, mach wenigstens den Knoten aus der Wäscheleine. Mutter wird sich freuen. Sie liebt praktische Geschenke. Wisst ihr noch, wie sie sich über das Messerset gefreut hat?

5. Akt
Väter

1. AufzugKurz nachdem die jungen Männer das verwüstete Esszimmer verlassen haben, betritt Georg den Raum. Er hatte sich bis dahin in Hörweite verborgen gehalten.Georg (Monolog): So sehen meine Söhne mich also. Sie hassen mich. Alle vier. Dabei wollte ich doch nur das Beste für sie. Was habe ich falsch gemacht? Kinder wollen immer dumme Dinge. Das weiß ich doch selbst! Als mein Vater im Kohlebau gearbeitet hatte, wollte ich Schreiner werden. In der Werkstatt nebenan. Als Kind ließ der Meister mich manchmal helfen. Ich fand es toll, mit Holz zu arbeiten.
Aber Vater wollte das nicht. Er verdrosch mich so heftig, dass mir Hören und Sehen verging. „Du wirst dich nicht im Handwerk krumm machen, Jerzy!“
Vater hatte bereits alles zurück gelassen, als er als polnischer Gastarbeiter nach Deutschland kam. Und als ich die Ausbildung für die Volksschule machen sollte, legten wir auch noch die letzten Reste unserer Herkunft ab. Aus Jerzy wurde Georg.
Er betrachtet den Strick

Epilog
Adelheid betritt das Esszimmer und sieht Georg von dem schwarzen Eisenhaken baumeln. Sie ist nur eine kurze Sekunde wie erstarrt und geht dann in die Küche um mit einem großem Messer in der Hand wieder zu kommen.Adelheid: Gut, dass Andreas mir das Messerset geschenkt hat. Du verunstaltest ja unser schönes Esszimmer, Georg.Sie schneidet die Leiche ihres Mannes los.
Schlusswort:
Womöglich glauben einige jetzt, das habe mit dem Thema „Depressionen und das öffentlich Machen“ wenig bis nichts zu tun.
Die Antwort darauf findet sich eher zwischen den Zeilen. Hätte Georg seine Familie nicht terrorisiert, hätte er seine Söhne nicht in verschiedene Formen der Verzweiflung und Bitterkeit getrieben. Sein Sohn Sebastian konnte sich, entgegen den anderen Söhnen, nicht von seinem alten Traum Koch zu werden trennen und zog sein Studium gegen den eigenen Willen, gegen die eigene Befindlichkeit, gegen die eigene Depression, die eigenen Selbstmordgedanken durch. Wem in dieser kaputten Familie hätte er sein Leid öffentlich machen können?

Schreib-Challenge #3.2019 (Lena): Depressionen und das Öffentlichmachen


Depressionen und das Öffentlichmachen


Was wäre wenn sie es wüssten

Du hast Chaos im Kopf, die Gedanken drücken, du weißt nicht wohin mit ihnen.

Die Tage scheinen trist.

Eintönig.

Nicht zu schaffen.

Du hast Chaos im Kopf, alles scheint unmöglich.

Schwer.

Nicht zu bewältigen.

Einfach nicht zu schaffen.

Du hast Chaos um Kopf, wie sollst du es schaffen?

Du drehst dich im Kreis.

Warum ist es nicht ganz leicht?

Warum ist es für dich nicht ganz leicht?

Warum kannst du nicht auch einfach?

Es ist nicht zu schaffen.

Du hast Chaos im Kopf, alles zieht dich runter, du fühlst dich allein.

Hilflos.

Verlassen.

Machtlos.

Willst du es schaffen?

Bist du wirklich alleine?

Wäre es nicht leichter wenn Sie es wüssten?

Trau dich.

Sei mutig.

Sie wissen es nicht.

Mach den ersten Schritt.

Hilf ihnen zu verstehen.

Hilf ihnen dir zu helfen.

Steh für dich ein, sei wer du bist.

Wäre es nicht leichter wenn Sie es wüssten?

Schreib-Challenge #3.2019 (Joe): Depressionen und das Öffentlichmachen


Depressionen und das Öffentlichmachen


Als ich vor rund fünf Jahren in dieses fiese dunkle und unsagbar schwerwiegende Loch namens Depression gefallen bin, war mir nach nicht viel zu Mute. Und erst recht nicht danach, es irgendwie öffentlich zu machen. Das war an sich zu der Zeit am Anfang auch noch gar nicht möglich, da ich erstmal ein halbes Jahr gebraucht habe, um wirklich zu verstehen bzw. zu merken, dass etwas ganz gewaltig schief läuft.

Statt den einsetzenden Schwermut, die immer stärker werdenden Ängste, die innerliche Veränderungen oder das Nichtwissen um meine mentale Situation irgendjemandem mitzuteilen, habe ich die ganze Angelegenheit einfach mal in mich hineingefressen. Leider ohne dabei zu zunehmen. Eher im Gegenteil. Je weiter der Fortschritt der Krankheit gewesen ist, desto weniger habe ich gegessen. Zum tiefsten und schwärzesten Zeitpunkt hatte ich nicht einmal darauf Lust. Hunger? Joa...egal. Nur das Nötigste. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich einfach nur trockenes Toastbrot mit Nuss-Nugat-Aufstrich gegessen habe...morgens, mittags und abends...wobei Zeit irgendwann auch egal war. Ich wollte eigentlich nur schlafen und nichts mehr mitbekommen müssen. Das war, wie gesagt, zum Zeitpunkt der totalen Bodenlosigkeit und Aufgabe...ja...ich habe oft genug zwischendurch gedanklich aufgegeben...es war mit großem Abstand die dunkelste, schwerste und emotionalste Phase in meinem Leben, die ich bewusst durchlebt habe.

Rückblickend betrachtet kamen damals einfach viel zu viele negative Veränderungen aufeinmal in mein Leben, die mir nach und nach den Boden und die Grundlage für ein normales Sein genommen haben. Ich, hochsensibler Mensch, Master im Gedankenmachen und super empfänglich für emotionale und mentale Veränderungen, bin nach und nach einfach vor die Hunde gegangen. (Wenn ich heute einfach nach und nach vor die Hunde gehe, hat das - zu meinem enorm großen Glück - wirklich mit Hunden zu tun! Und das ist sehr sehr gut so! (Im Nachhinein ist es so gut, zu merken, dass ich wieder Sarkasmus und Wortspielereien in dem Thema Depression einbauen kann)).

Nach gut einem halben Jahr habe ich es dann geschafft/gewollt/gemusst, einen Arzt aufzusuchen. Tadaaa: Diagnose, schwere Depression. Okay.... Machte es das nun leichter, zu verstehen oder einfacher, damit umzugehen? Nicht wirklich! Klar, meine Hausärztin hat damals mit mir die Möglichkeiten der Hilfe bei Depressionen durchgesprochen und alles. Aber was ich machen konnte, außer mir professionelle Hilfe zu suchen, wusste ich immer noch nicht richtig. Verständnis und Akzeptanz der Erkrankung: immer noch Fehlanzeige!
Öffentlichmachen in dem Sinne aber auf jeden Fall. Der Gang zum Arzt und die damit verbundenen Optionen der Behandlung waren nun etwas "Offizielles". Ich hatte ein Papier - und wir alle wissen, Papiere sind in Deutschland das A und O... - auf dem gestanden hat, was mit mir los gewesen ist. Ich wurde ersteinmal bis zum Dorthinaus krankgeschrieben und als arbeitsunfähig eingestuft. Der Schritt zum Arzt war definitiv der erste ganz, ganz Wichtige! Damit hat es dann auch so langsam angefangen, dass ich ein Bewusstsein für diese depressiven Episoden im meinem Leben entwickeln konnte.

Öffentlichmachen: beim Arbeitgeber, beim Arbeitsamt, demnach bei Versicherungen, beim Arzt.
Und auch bei meinen Eltern. Was im Nachhinein der zweite ganz, ganz wichtige Schritt gewesen ist! Ich verstehe mich blendend mit meinen Eltern. Es herrscht eine wunderbare Familienmentalität, man liebt sich. An sich wäre es ja kein Problem gewesen, direkt an die Menschen heranzutreten, die in jedem Falle Verständnis für meine Person gehabt hätten. Sich selber aber ersteinmal einzugestehen, was da los ist und es dann auch noch jemanden zu sagen, hat mich damals einfach aufgefressen. Ich wollte niemandem zu sehr zur Last fallen. Dachte mir, ja, das wird schon wieder. Ich hab zu dieser Zeit super viel einfach verdrängt, mich unsagbar viel mit Zocken und Kiffen abgelenkt und mich nicht wirklich damit auseinander gesetzt, was wichtig gewesen wäre.

Im Rahmen von Behandlungen und Möglichkeiten, wie man der Depression entgegenwirken kann, wurde dann auch immer mehr die Familie integriert und eine gewisse Information über den aktuellen Stand der Dinge wurde verbreitet. Aber das war okay für mich. Ich habe es tatsächlich und zum Glück einfach angenommen und wollte etwas dagegen unternehmen. "Depressionen kann man behandeln...", ja, das kann man! Es ist keine Phrase, auch wenn es so klingt, man muss es aber leider - und das ist das Schwierige, wenn man gar nichts machen kann oder will - zulassen und anfangen sich innerlich selbst zu behandeln. So hab ich's auf jeden Fall hinbekommen, wieder ein normales Leben führen zu können. Das Öffentlichmachen in diesem Sinne, hat mir auf jeden Fall sehr geholfen, die Situation aus anderen Sichtweisen, weniger subjektiv bzw. reflektierter zu sehen.

Mittlerweile bin ich in einem tollen, neuen Leben angekommen und habe keinerlei Probleme, über Depressionen, meine Phasen und die damit verbundenen Pakete zu sprechen. Es gehört nun zu mir. Es ist ein Teil von mir geworden. Es hat mich verändert. Besser gemacht. Und ja, es ist enorm wichtig, es auszusprechen und sich mitzuteilen. Therapie besteht zu einem Großteil aus Reden und gehört werden. Das ist wichtig! Aber es dauert. Es dauert mitunter Jahre. Es ist einfach voll der Weg, den man immer wieder gehen muss. Ich hab es zwar nie bewusst an die große Glocke gehangen, aber dennoch in unzähligen Beiträgen in meinem Blog thematisiert und auch verarbeitet. Ganz klar. Wobei es mir in meinen Texten mehr ums Verarbeiten, als ums Veröffentlichen geht. Dennoch trägt es dazu bei, zu helfen. Primär und sekundär.

Seine Probleme völlig unreflektiert in einem öffentlichen Raum - sagen wir mal: Facebook - zu thematisieren und sich darüber zu erhoffen, dass man Bestätigung, Mitleid, Hilfe oder irgendetwas anderes bekommt, ist allerdings etwas ganz anderes und der völlig unrichtige Weg. Bitte jetzt nicht falsch verstehen: es ist total gut, offen mit einer solchen Problematik umzugehen, aber man muss immer bedenken, dass gewisse Dynamiken aus dem öffentlichen Raum nicht ausbleiben und man damit dann auch umgehen muss! Und wenn man so befangen ist, dass man eh mit nichts wirklich umgehen kann, ist etwaiges Feedback meist kontraproduktiv. Man bekommt zwar Bestätigung und Verständnis, Zuspruch und auch eine gewisse Energie, aber diese ist in der Regel nur temporär und sehr kurzfristig, so dass man schnell merkt: "Hmmm, irgendwie gehts mir ja immer noch nicht besser." Und es geht einem auch solange nicht besser, bis man akzeptiert, annimmt und wieder nach und nach frei wird.

Im Endeffekt sind solche Schreie nach Hilfe nur die Hilfe wert, wenn wirklich etwas dabei rum kommt. Gerade im Netz sind die Menschen meistens so oberflächlich, dass der Wert und die Tragweite einer solchen Veröffentlichung total schnell abhanden gehen oder sich einfach anders darstellen, als man es "erhofft" hat. Hoffnung ist bei Depressionen - in meinen Augen ist Hoffnung aber eh allgemein zu ersetzten, weil sie einfach nichts bringt - zwar schön, aber auch nur Augenwischerei. Zuversicht. Kraft. Energie. Das Einsetzen eines neues Weitblickes. Darauf kommt es an. Das kann auch durchaus beim profilierten Öffentlichmachen einsetzen, setzt aber eine gewisse Reflektiertheit voraus. Deshalb halte ich auch nichts davon, im Sumpf des Selbstmitleides zu schwimmen und sich nur über Wasser zu halten. Irgendwann geht die Kraft nämlich komplett flöten und man säuft wieder ab. Das offene Umgehen mit einer Depression ist erst dann richtig offen, wenn man sie verstanden hat. Ganz oft, so lese ich es immer wieder, sind die Leute, die es dann tatsächlich "mal eben" öffentlichmachen aber einfach noch nicht soweit. Man muss schon extrem viel Glück haben, um darüber die richtig richtigen Menschen zu finden, die einem wirklich helfen. Grundsätzlich gilt aber: Hilf dir selbst und stärke dich. Du bist für dich verantwortlich. Genauso ist man selbst verantwortlich, zuzulassen, aufzumachen und anzunehmen. Erkenntnisse sind wichtig. Individuelle Eingehen aber auch. Demnach ist die "Meinung" oder der "Zuspruch" der breiten Masse auch so schizophren und eher weniger wert. Die meisten haben aber auch einfach keine Ahnung, wie man sich fühlt, wenn es richtig dunkel wird im Leben.

Ich habe meine Depression hier nun zum xten Mal quasi öffentlich gemacht. Die die mich kennen, wissen es aber eh schon, welche Odysee passiert ist. Ich sag ja immer: lies meinen Blog und du weißt schon ziemlich viel aus meinem Leben. Zwar stelle ich es nicht immer komplett klar, meist zwischen den Zeilen, dar, was mich beschäftigt und ausmacht, aber es ist da - für jeden ersichtlich. Und das ist auch ganz gut so. Ich bin aber auch mittlerweile so cool mit mir, der Thematik und dem Umgang, dass ich ganz genau weiß, was ich meinem Kopf sagen muss, um mich selber weiterhin am Leben zu halten und nicht abzurutschen. Im Endeffekt muss man mit sich selber cool sein und es wollen. Auf andere Menschen ist in der Regel selten wirklich verlass, also: nicht hoffen, sondern machen. Mit Zuversicht und Tatendrang, mit Geduld und Demut.

Depressionen sind scheiße. Niemand sollte so etwas erleben müssen. Es ist wirklich alles andere als schön, erstrebenswert oder toll. Seid froh, wenn es euch noch nicht gepack hat und schätzt eure Leichtigkeit, wenn sie gegeben ist. Es ist nicht selbstverständlich, wenn es so ist. Und die Dunkelziffer in Bezug auf mentale Erkrankungen ist eh so viel größer, als es in der Masse auffällt.

Pro darüber sprechen, pro sich damit auseinander setzen! Aber bitte denkt an eine vernünftige Plattform, wo dies passiert. Seid stark, bleibt dran. Alles kann immer wieder gut werden, wenn man selber will!