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Samstag, 30. Mai 2020

DIADN Spezial #4 - Der Rollentausch, Joe

Haaaalloooooo!

Endlich, endlich war es nun soweit! Die Interviews aus der Nachbarschaft haben nun auch mich gepackt und wir haben in dieser speziellen Folge die Rollen getauscht. Aus dem Interviewer wurde der Interviewte. David Hinder hat in dieser Folge meinen Part übernommen und mir Fragen gestellt und dieses Gespräch geleitet. Damit die Voraussetzungen die gleichen sind, wie bei allen meinen Interviews, haben wir im Vorhinein nach Fragen gefragt, die dann von der Community zugeschickt wurden.
Ich habe keine einzige Frage im gewusst und bin genauso blind, wie alle anderen in mein Interview gegangen.


Es lief so, dass sich Christina den Fragen angenommen hat, Diese sammelte, dann den ganzen Katalog an David übermittelte. Er hat seinerseits noch ein paar Fragen beigesteuert und alles in Themen-Blöcke zusammengefasst. Ein Fragenkatalog Deluxe ist dabei entstanden, der mit gut 50 Minuten dann aber doch recht flott vorbei gewesen ist. Es war von Allem etwas dabei. Einfache Fragen, lustige Fragen, deepe Fragen, Allgemeine und Spezielle.

Ich fand es großartig, dass dieser Rollentausch nun passiert ist und hoffe, ihr hört mir genauso gerne zu, wie allen Anderen, die bisher vor meinem Mikro gewesen sind!

Ich bedanken mich noch einmal ganz herzlich bei allen, die mitgewirkt haben:
Christina mou, David, Tom, Marcel, Jan, Verena, Tobias: Danke für die Organisation und die Fragen, die ihr eingereicht habt!

Es war mir ein Fest und es hätte genauso gut noch stundenlang weiter gehen können!

Bis hier her aber ersteinmal: Viel Spaß mit dieser, meiner, Folge von DIADN und dem Rollentausch!


(Dieses Gespräch wurde im gegenseitigen Einverständnis am 29.05.2020 aufgezeichnet.
Musik von Tom le Mot.)

Donnerstag, 30. April 2020

Schreib-Challenge #2.2020 (David): Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - wie ähnlich ist man den Eltern, was übernimmt man gerne und was soll mal ganz anders laufen?

 

„Du bist wie dein Vater.“

Innerlich verdrehe ich die Augen und vermeide eine Antwort. Obwohl oder gerade weil ich weiß, dass meine Mutter Recht damit hat.

Einige werden sich nun fragen, warum ein erwachsener Mann diesen Vergleich wie ein sechzehnjähriger Pubertätstrotzki ablehnt. Das ist ganz einfach: als ich etwa 18 war, verließ mein Vater die Familie. Das Vermögen nahm er mit. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.
Auf der Suche nach einer Alliteration, die diesen egoistischen Bummskopf gut beschreibt, kam mir erst „verantwortungsloser Vater“ in den Sinn. Verkackter Vater trifft es aber eher. Oder stinkender Stumpfkopf. Oder hirnverbrannter Heini. Oder ekliger Egomane.
Hach, ich könnte noch Stunden so weiter machen. Fakt ist nämlich leider: warum meine Mutter, meine Schwester und ich teilweise bis heute in der Scheiße sitzen, hat mit seinem Weggang zu tun. Die Gerichtsverhandlung wegen unserer alten Wohnung musste meine Mutter führen und bezahlen. Unsere Tiere mussten wir abgeben. Eine kleinere Wohnung suchen. Ein ganzes Leben in den Ausguss spülen. Und alles nur, weil Mr. Midlifecrisis keinen Bock mehr auf sein gewähltes Lebensmodell hatte. Fun Fact: im Gegensatz zu anderen konnte er sich das wirklich selbst aussuchen.

Und genau deswegen will ich nicht mit dem verglichen werden.

Nicht mal, wenn es nur um Kleinigkeiten geht. Die Art, wie ich rede, wie ich Witze mache, wie ich mich bewege. Fuck off, ich will nicht wie der sein.

Ich gebe es ja zu: wer bei der Familie meines Vaters aufgewachsen ist, konnte wahrscheinlich nur ein Arschloch werden. Als letzte Vertreter der kackigen Kalvinisten waren Geiz („Sparsamkeit“) und Fleiß („Workahollic als Fluchtmöglichkeit vor der Familie“) bei denen Sozialisationstopmodell No. 1. Die Mutter war eine verbitterte alte Frau, deren herunterhängende Mundwinkel von einem Leben kündeten, in dem Freude wahrscheinlich polizeilich verfolgt wurde.
Die Geschwister sind knauserige Geizknochen. Überhaupt ging es in dieser Familie immer nur ums Geld. Und um die Arbeit. Andere Gesprächsthemen kannte man dort nicht. Ich erinnere mich noch, wie wir alle paar Monate diese Familie besuchen mussten. Schön brav am Tisch sitzen, nicht reden, nicht spielen, nicht lachen, nicht freuen, nicht Kind sein.

Ok, eigentlich sollte ich jetzt empathisch nachvollziehen, warum mein Vater so verkorkst ist. Aber es geht nicht.

Ich erinnere mich daran, wie er mir als Kind vemurkste Ansichten von Männlichkeit einzutrichtern versuchte. Männer weinen nicht, Männer sind Handwerker, Männer sind sportlich (der Lauch, haha!), Männer sind nicht krank.

Zum Glück war ich als Kind schon kritisch. Was sicher anstrengend war.
Ich erinnere mich, wie er nicht akzeptieren wollte, dass ich einfach, verfickte Scheiße nochmal, nicht gut in Sport war. Wie ich an einer Stange im Garten Klimmzüge trainieren sollte.
Zum Glück rief immer irgendwann wieder seine Arbeit. Und er verlor das Interesse.
Überhaupt glaube ich, dass es eigentlich ein Segen war, dass der Typ sich die meiste Zeit in seinem Büro verschanzte und sich um nichts kümmerte, als zu arbeiten.

Warum konntest du Penner mir nicht wenigstes etwas dieser Eigenschaft übertragen? Manchmal bin ich so faul, dass ich sogar zum faul sein zu faul bin! Ich will nicht wie du reden, will nicht wie du Witze machen, aber eine gesunde Variante deines Arbeitshabitus, die wäre schon nice gewesen.
Ich zweifle allerdings daran, dass du irgendwas Gesundes in deinem Leben zustande bekommen hast, also sollte ich vermutlich froh sein.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Nur, dass du Lauch kein Stamm warst. Sondern ein sich windender Grashalm, der sich immer zur Seite bog, wenn es schwierig wurde. Der sich immer nur zurückzog, erst an seine Schreibmaschine, später an seinen PC, oder in sein Auto um hierhin und dorthin zu fahren.

Aber vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht ist es gut, dass ich nicht vom letzten Kalvinisten der Welt erzogen wurde, dass ich keinen selbstzerstörerischen Leistungshabitus habe, dass Geld für mich nicht alles ist. Wahrscheinlich wäre ich ein klassischer, unreflektierter Vertreter der Generation Y geworden, irgendein Mittelschichtjob, den ich eigentlich hasse, der aber vor der Familie, auf die ich eigentlich keinen Bock habe, die einzige Fluchtmöglichkeit darstellt. Irgendeine absurde Lebenseinstellung dazu, die nichts mit der Realität zu tun hat, stetig alle belehrend, dass mein Bauchgefühl über die Welt auch die Welt sein muss, ja, das wäre ich wahrscheinlich geworden.
Ich hätte niemals Marx gelesen, hätte mich nie für Kant interessiert, wüsste heute nichts über Bourdieu, wäre wahrscheinlich unreflektierter Alltagsrassist und Alltagssexist, würde meine Intelligenz nur bei der Arbeit ausbreiten...

Also muss ich wahrscheinlich „Danke“ sagen. Danke, dass du dich kaum an meiner Erziehung beteiligt hast.

Freitag, 24. April 2020

DIADN #18 - David, Dortmund

Halli, Hallo, Hallöchen,

hier ist wieder der sympathische Podcast von Nebenan. Das Interview aus der Nachbarschaft Folge 18. Heute am Mikro, David Hinder, Schreiber, Podcaster und Poetry Slammer. Es war ein sehr sehr angenehmes Gespräch mit viel Variation und interessanten Themen. Vom Internet über seinen eigenen Podcast bis hin zum Computergame Rimworld. David hat Einiges zu sagen! Ihr findet ihn auch über die Linkliste auf meiner Blogseite oder hier: David Hinder.

Ich bedanke mich recht herzlich für dieses Gespräch und wünsche viel Spaß beim Hören!



Dieses Gespräch wurde am 22.04.2020 aufgezeichnet.
Musik von Tom le Mot.

Sonntag, 15. März 2020

Schreib-Challenge #1.2020 (David): Entwurzelung/Neuanfang - Umzug ins Unbekannte (Fluch oder Segen?)

Entwurzelt

In meiner Kindheit sind wir oft umgezogen. Mein Vater war Journalist, häufige Ortswechsel brachte der Beruf mit sich. Geboren wurde ich in Dortmund. Erinnern kann ich mich wahrlich nicht daran, denn kurz darauf zogen wir nach Grafing, bei München. Auch daran kann ich mich kaum erinnern, ich war ein Kleinkind. Lediglich aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ich die Erzieherin des katholischen Kindergartens immer „Schwester Rosine“ nannte, obwohl sie doch Rosina hieß.
Wir zogen irgendwann wieder nach Dortmund. Aus dieser Zeit habe ich nur Erinnerungsblitze im Gedächtnis, nichts Konkretes. Ich weiß, dass die Kindergärtnerin ätzend war. Dass sie mir immer mein Spielzeug wegnahm. Ich weiß, dass sie eine dicke Frau mit grauen Haaren und Brille war. Zumindest sagt mir das meine Erinnerung.

Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir nach Schwerte. Wir hatten ein Haus, mit Garten, in einer Spießbürgersiedlung voll von absurden Gestalten, die ihren Rasen mit dem Lineal messen mussten, nachdem sie ihn gemäht hatten. Ich hatte einen Dauerkrieg mit dem Nachbarsmädchen und einen einzigen Freund. In der Schule wurde ich gemobbt, ich bekam meine ersten allergischen Erfahrungen – alles in Allem keine gute Zeit.

Wir zogen wieder nach Dortmund. Ich muss 15 gewesen sein.
Und seitdem lebe ich in Dortmund.
Der Punkt ist: ich habe mich nie entwurzelt gefühlt. Denn – seien wir ehrlich – eine besondere Bindung zu den Orten, an denen ich zuvor gelebt hatte, habe ich sowieso nie aufgebaut. Dort lebten die falschen Menschen.
Das erste Mal, dass ich mich entwurzelt gefühlt habe, war eine ganz andere Geschichte.

Zuerst kam Hotte nicht wieder. Normalerweise trafen wir uns Abends, Hotte, Manuel, Pauline und ich. Andere waren auch zuweilen dabei, aber das war der Kern der Gruppe. Wir entschieden dann, was wir machen wollten. Mal war es Blödsinn, mal war es sinnvoll. Aber Spaß hat es immer gemacht.
Irgendwann kam auch Pauline immer seltener. Erst fehlte sie einmal, dann zweimal, dann war sie plötzlich weg. Wie ein nächtliches Gespenst, das nach dem Aufwachen noch neben deinem Bett zu stehen scheint, nach einem Blinzeln aber verschwindet.
Manuel kam als nächster nicht wieder. Man muss wissen, dass er mit Pauline zusammen war. Einige Zeit kam er noch öfter zu unseren Treffen, aber irgendwann war auch er weg. Nebel im Wind.

„Ganz schön unkonkret,“ werden einige von euch nun sicher denken.
Und sie haben recht.
Denn die Leute, die da nach und nach verschwanden, kannte ich kaum „in echt.“ Sie waren Mitglieder in einer Gilde.
In einer Gilde aus World of Warcraft.
Natürlich sind sie nicht wirklich verschwunden. Sie kamen einfach nicht mehr online. Zu jener Zeit gab es ein Konkurrenzspiel namens Aion. Lange hatten sie schon damit geliebäugelt, und am Ende werden sie wohl dahin gewechselt haben. Zumindest war das damals meine Vermutung.
Zuerst kamen sie immer seltener online, dann, irgendwann, überhaupt nicht mehr. Zurück blieb ich mit einer Gruppe von Spieler*innen, die ich kaum oder gar nicht kannte. Wie im echten Leben, so knüpft man auch online seine Sympathien ungerecht. Und wo im echten Leben das Gesicht, so hilft online die Stimme, das digitale Gegenüber nicht nur einzuordnen, sondern auch dabei, es zu mögen (oder auch nicht, aber das spielt für diesen Text keine Rolle).

Ich erinnere mich noch, wie sie mich für die Gilde rekrutierten. Ich kam als Außenseiter („Random“) auf ein Gruppenevent (Raid) mit, das deren Gilde durchgeführt hatte. Ziel war es, den Drachen Sartharion zu töten.
Ich war, wie bei solchen Raids üblich, aus ganz eigennützigen Zielen mitgegangen. Ein wenig an der Beute des Drachen teilhaben, etwas Erfahrung sammeln, solche Dinge eben. Mit Gilden hatte ich nichts mehr am Hut, denn meine Erfahrungen mit einer stalkenden, psychopathischen Gildenleiterin hatten mir vorerst die Lust auf Gesellschaft verdorben. Und so tingelte ich mehr oder weniger heimatlos, wie eine Art Söldner über den Server.
Bis zu diesem Tag, an dem wir Sartharion umboxten. Der Raid lief beileibe nicht so einfach. Die eine oder andere brenzlige Situation rettete ich dank der Fähigkeiten meines Spielcharakters. Der Paladin kann zum Glück von allem etwas und das nutzte ich auch aus.Draufhauen, Heilung, Charaktere vor Schaden bewahren – ich konnte das Spektrum in seiner Gänze anwenden.
Am Ende lag das Drachenvieh am Boden und es wurde Beute verteilt. Ob ich etwas bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Was ich aber bekam war ein Gespräch mit Manuel und Pauline - die Namen sind hier geändert, denn die Spielcharaktere hießen Maruviel und Palani.
Kurz darauf war ich Mitglied in deren Gilde. Es war die einzige Online-Gemeinschaft, in der ich über lange Zeit aktives Mitglied sein sollte. Ich war zuvor nie lange in Online-Gruppen – viele nehmen sich selbst oder das Spiel zu ernst, andere sehen sich nur als Gemeinschaft für das Austauschen stumpfer, sexistischer, rassistischer oder wie auch immer gearteter billiger Witze. Ich sollte auch danach nie wieder eine Gruppe finden, der ich mich über einen längeren Zeitraum anvertrauen sollte.
Manche Leser werden bereits an der Stelle aufgegeben haben, an der ich einräumte dass es hier um ein Online-Erlebnis geht.

Manche werden weiter gelesen haben und den Kopf schütteln. Wie kann man nur so eine Wertbindung für ein Spiel entwickeln?
Aber ich habe diese Bindung gar nicht für das Spiel entwickelt.
Sondern für die Menschen, mit denen ich es gespielt habe.
Genau wie mit Personen aus dem „echten“ Leben, hatte ich auch mit diesen Menschen tolle, witzige, traurige, ärgerliche, schöne und tragische Momente. Und ich habe an diese Zeit in World of Warcraft bessere und konkretere Erinnerungen, als an weite Teile meiner Kindheit. Zum Beispiel folgende Anekdote: als wir eine anspruchsvolle Instanz machen wollten (ein Event für fünf Spieler, bei denen man verschiedene Gegner in einem Labyrinth aus Gängen findet und tötet), und vor einem großen Raum voller Feinde standen, die Halle so hoch, dass wir ihre Decke nicht sehen konnten, die Gegner so zahlreich, dass wir sie kaum zählen konnten, machte sich unser Krieger, Frontkämpfer und Anführer Maruviel bereit, die erste Gruppe von Gegnern aufs Korn zu nehmen. Wir warteten bereit, auf sein Zeichen loszustürmen – als plötzlich mein Kater Louis über meine Tastatur lief. Meine Spielfigur joggte vorwärts und hatte im Nu alle Gegner der Halle auf sich aufmerksam gemacht.
Unsere Charaktere waren in Sekunden tot.
Unser Lachen im Voicechat erstarb für Minuten nicht. Mein Fluch und mein wütender Ausruf „LOUIS!“ waren seither ewiges Gesprächsthema.

Ein anderes Mal wollten wir auf ein PVP (Player vs. Player)-Schlachtfeld. Wir alle waren mies darin, gegen andere Spieler anzutreten. Gegen den Computer? Ja, bitte! Aber gegen andere Spieler? Naja...
Wir wurden richtig böse verhauen. So muss sich die Hörde-F-Jugend fühlen, wenn sie gegen die Nationalmannschaft antritt.
Aber es war lustig. Wir machten sogar eine Challenge daraus, wer von uns am häufigsten sterben würde.

Und irgendwann waren sie alle weg, meine Mitspieler*innen. Geblieben waren nur ein paar Anekdoten.

Es geht um Entwurzelung. Ich könnte jetzt, nur für WoW-Kenner, eine Referenz einbauen, die sich auf die Wurzeln-Fähigkeit des Druiden bezieht. Aber das lasse ich an dieser Stelle.
Entwurzelt bist du nicht unbedingt, wenn du einen Ort verlässt. Die Metapher täuscht hier. Denn Menschen können ebenso gut wie Orte binden und im Internetzeitalter können sie überall sein. Entwurzelt bist du, wenn ein Ort dir keinen Grund mehr gibt, deine Wurzeln erneut in ihm zu schlagen.
Der Ort war World of Warcraft.
Aber die Erde, die dort meine Wurzeln hielt, waren die Menschen.

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Schreib-Challenge #3.2019 (David): Depressionen und das Öffentlichmachen


Depressionen und das Öffentlichmachen
 

Ein kleines Drama in fünf Akten
Basiert auf der Kurzgeschichte „Fertig zum Aufgeben“ von Fritz Popp.

Triggerwarnung: Dieses Drama behandelt Themen wie Gewalt in der Familie, Selbstmord und Depression.

1. Akt
Vorfreude

1. Aufzug
Das Ehepaar Georg und Adelheid Kuschinski sitzt im düsteren, penibel symmetrisch eingerichteten Esszimmer zusammen beim Mittagessen.
Georg: Hast du schon unsere Abendgarderobe aus der Reinigung geholt?
Adelheid: Das werde ich heute Nachmittag tun.
Georg: Vergiss das bloß nicht! Darauf haben wir mehr als zehn Jahre gewartet. Reich mir das Salz.
Adelheid: Nein, ich vergesse es nicht.
Sie reicht ihm das SalzGeorg: Wenigstens Sebastian hat nach all den Jahren noch seinen Weg gefunden. Aber du kannst immer noch nicht die Suppe richtig würzen. Na, ich denke, in jeder Familie gibt es ein paar Probleme.
Adelheid erwidert nichts. Langes Schweigen. Man hört nur das rhythmische Schlürfen von Georg.
Georg: Ich wusste immer, was am besten für den Jungen ist. Du wolltest ihn verwöhnen, weißt du noch? Aber ich wusste, er braucht eine strenge Hand. Damit was aus ihm wird. Dr. med., Adelheid! Stell dir mal vor, wir hätten ihn machen lassen, was er wollte! Kinder kommen immer auf so schrecklich dumme Ideen.Er lacht kalt, freudlos und höhnisch.Stell dir mal vor, wir hätten ihn machen lassen. Stell dir mal vor, du hättest das Sagen gehabt. Dann wäre er jetzt Kellner...
Adelheid: Koch. Er wollte Koch werden.
Georg: Dann eben Koch. In irgend so einem runtergekommen Restaurant. Oder vielleicht in einer Imbissbude! Stell dir das mal vor! Pommes Currywurst rot weiß! Gut, dass der Junge mich hatte!
Adelheid: Naja, der Junge von den Müllers hat Restaurantfach gelernt und jetzt sein eigenes Restaurant...
Georg: Ach was, nichts gegen unseren frisch gebackenen Dr. med.! Jetzt haben alle unsere Söhne ihre Promotion, Adelheid! Was ist schon ein Restaurant dagegen?
Adelheid: Naja, ich meine ja auch nur, dass es dem Jungen wohl gut geht damit.
Georg: Und wenn schon, unseren geht es besser. Gut, dass ich da war, damit Sebastian was Sinnvolles aus seinem Leben macht. Gut, dass ich da war.
Georg schlürft seinen letzten Löffel und steht dann auf.Georg: Du musst übrigens noch hier sauber machen, wenn die Jungs heute Abend kommen.

1. Akt, 2. AufzugAdelheid ist alleine und beginnt den Tisch abzuräumen.Adelheid (Monolog): Ich weiß ja, dass er recht hat. Georg hat es immer nur gut gemeint mit den Jungs, damit mal was aus ihnen wird. Als Mutter will man seine Jungs immer nur beschützen. Aber Georg wusste, dass das Leben es nicht gut meint mit einem. Georg hat das Herz am rechten Fleck. Aber manchmal muss man Kinder eben zu ihrem Glück zwingen. Ich war für sowas immer zu weich. Da war's schon gut, dass Georg da war und die Jungs auf den richtigen Weg gebracht hat. Auch, wenn es mir im Herzen weh tat. Adelheid ist mit dem Abräumen fertig und beginnt eifrig, den Raum zu putzen.Adelheid (Monolog): Bei Sebastian war er besonders streng. Das ging aber auch nicht anders. Der Junge wollte immer nur das Schlechteste für sich selbst. Wollte die Schule nicht zu Ende bringen, stell sich das mal einer vor. Zum Glück hat Georg ihm gezeigt, wo es lang geht. Und so schlimm war die Dresche auch nicht. Manchmal braucht es einen Satz heiße Ohren, damit das Köpfchen wieder abkühlt.

2. Akt
Familienidylle

1. Aufzug
Es ist Abend. Familie Kuschinski sitzt fast komplett in dem symmetrisch eingerichteten Esszimmer mit den dunklen, schweren Möbeln. Georg, Adelheid und ihre drei ältesten Söhne Jan, Andreas und Frederick. Vater Georg sitzt am Kopf des Tisches. Ein Stuhl ist leer. Adelheid deckt gerade etwas Wurst und Käse auf.
Jan: Kommt Sebastian nicht?
Adelheid: Der Junge kommt erst morgen. Irgendwann am frühen Abend.
Jan: Wird er es dann pünktlich zur Promotionsfeier schaffen?
Georg: Dem werde ich Beine machen, zur eigenen Promotionsfeier zu spät zu kommen!
Jan: Beruhige dich, er wird schon auftauchen.
Andreas: Na, wundern würd's mich nicht, wenn der zu spät kommt. Mit seinem Abschluss war er ja auch ziemlich spät.
Adelheid: Noch jemand etwas Fleischwurst?
Jan: Na und? Ihm ist wenigstens nicht die Frau schon nach einem Jahr weg gelaufen.
Andreas: Er hat auch keine.
Jan: Da ist er schon mal klüger als du.
Adelheid: Ich habe noch Salami im Kühlschrank.
Andreas: Sie hat sowieso nicht zu mir gepasst.
Jan: Du meinst, weil...
Georg: Jan! Lass deinen Bruder in Ruhe. Der hat alles richtig gemacht. Soll dieses Flittchen doch bleiben wo der Pfeffer wächst.
Adelheid: Wartet, ich habe noch Räucherschinken.
Frederick: Kann ich hier übernachten? Ich habe kein Hotelzimmer mehr bekommen.
Andreas: Du warst schon immer schlecht organisiert.
Georg: Ausnahmsweise. Aber du musst dein Leben endlich in den Griff kriegen.
Frederick: Ja, Vater.
Jan: Frederick hat inzwischen seine eigene Anwaltskanzlei. Er ist organisiert genug, würde ich sagen.
Georg: Ordnung kann nie genug sein. Glaubst du, ich wäre Volksschullehrer geworden, wenn ich so ein Chaot wie du gewesen wäre?
Andreas: Sicher nicht!
Georg: Mein Vater ist noch in den Kohleschächten rum gekrochen. Was meint ihr, wie stolz der war als sein Sohn was aus sich gemacht hatte. Und ich hatte das nicht so einfach wie ihr, glaubt das ja nicht! Wir waren bettelarm, Vater kam nur zum Schlafen nach Hause! Aber Mutter konnte wenigstens die Suppe richtig salzen.
Adelheid: Ich habe noch Fleischsalat da.
Frederick: Es ist gut, wir wollen nicht streiten. Wir sind zum Feiern hier. Mutter, wo hast du den Korn hingelegt? Ich möchte auf die Promotion von Sebastian anstoßen.
Adelheid: Wo er immer ist, mein Junge.
Georg: Deine Mutter kann in ihrem Haus den Schnaps selber holen.
Adelheid steht auf und holt den Schnaps. Danach stoßen alle an.

 
2. Akt, 2. AufzugFamilie Kuschinski ist inzwischen größtenteils zu Bett gegangen. Nur Jan und Frederick sitzen bei einer halb geleerten Flasche Korn noch am Esstisch.
Jan: Dieser scheiß Kerl...
Frederick: Du meinst Vater? Oder Andreas?
Jan: Beide, würde ich sagen.
Frederick: Ach Jan, lass dich nicht immer so runterziehen. Wir sehen die beiden einmal im Jahr, wenn's hochkommt zwei mal.
Jan: Darauf trinke ich. Prosit!
Frederick: Prosit!
Jan: Hast du mal mit Sebastian gesprochen, in letzter Zeit?
Frederick: Nee, wollte ihn nicht ablenken. Wir wissen doch alle, wie schwer so ein Dr. ist.
Jan: Ich hab' vor 'ner Woche mit ihm telefoniert. Er klang etwas melancholisch.
Frederick: Sebastian klingt immer melancholisch.
Jan: Schon, aber ich dachte, wenn er endlich das Studium fertig hat, wird das besser. Endlich der Druck vom Alten weg, du verstehst?
Frederick: Wer versteht das, wenn nicht wir? Prosit auf den Druck! Prosit!
Frederick: Wir sollten schlafen gehen. Müssen doch morgen präsentabel sein.
Jan: Einen noch. Prosit!
Frederick: Prosit!
 

3. Akt
Rache

1. AufzugSebastian Kuschinski betritt das leere Esszimmer mit seinem Koffer in der Hand.Sebastian (Monolog): Hier bin ich also. Es sieht aus wie immer. Wie aus einem Geometrie-Lehrbuch. Vaters Lieblingsraum.
Er schreitet im Zimmer umher.Sebastian (Monolog): Zehn Jahre ist es jetzt her. Es war in diesem Raum, als Vater mir den Brief von der Uni vorlas. Zum Studium zugelassen. Er war überglücklich. Ich am Boden zerstört.Er rückt einen der perfekt am Tisch stehenden Stühle ab.Sebastian (Monolog): Hier hat er mich verprügelt, als ich die Siebte abbrechen wollte. In die Lehre wollte ich gehen, sagte ich. Vaters Argumente waren echte Knochenbrecher. In der Schule musste ich natürlich bleiben. Mitschreiben konnte ich aber für zwei Monate nicht.Er kippt den Stuhl um.Sebastian (Monolog) Der gebrochene Arm war schlimm. Sein Hohn war schlimmer. „Koch ist doch kein Beruf! Mein Sohn wird keine Küchenratte!“
Mutter stand daneben. Die Hände wie eine Nonne im Gebet gefaltet. Den Blick gesenkt. Auf den Boden. Nonnen schauen nicht auf den Boden. Sie schauen in den Himmel.
Für die Uni hatre ich kaum Kraft. Jeden Morgen stand ich auf. Jeden Morgen ging ich dort hin. Lernte. Aß. Schlief. Alles grau. Alles elend. Alles Zwang. Alles für den Traum eines anderen.
Sebastian beginnt wild, die Möbel umzuwerfen.
Sebastian (Monolog): Zehn Jahre hatte ich, um meine Rache zu planen, Vater! Sieh, wie das Wichtigste in deinem Leben in Trümmern liegt!
Er reißt den Lampenschirm von der Decke, darunter kommt ein schwerer schwarzer Eisenhaken zum Vorschein.Sebastian (Monolog): Das Ende deiner Träume, Vater, ist in diesem Koffer. Er holt eine schwarze, stabile Wäscheleine hervor. Ein Ende ist bereits wie ein Strick geknotet. Er befestigt die Leine an dem schwarzen Haken und stellt sich auf einen der dunklen Esszimmerstühle, die Schlinge um den Hals.

 
4. Akt
Chaos für Mama

1. Aufzug
Jan: Was tust du da, um Himmels Willen!
Frederick: Schnell, halt ihn auf!
Sebastian: Wieso... ich dachte, niemand wäre im Haus?
Jan: Frederick, halte ihn fest... genau so.
Sebastian: Lasst mich los!
Frederick: Wehr dich nicht, der Strick ist schon gelöst. Und jetzt setz dich.
Sebastian:
schluchztJan: Ein Glück waren wir hier.
Frederick: Gut, dass du mich besucht hast. Sebastian, sag' mal, spinnst du?
Sebastian: Ihr habt alles verdorben!
Frederick: Was verdorben? Bist du noch bei Trost?
Jan: Komm, Freddy, tu nicht so, als hättest du noch nie darüber nachgedacht.
Frederick: Naja, aber...
Andreas betritt den RaumAndreas: Vater und Mutter warten schon im Auto auf... oh...
Jan: Verschwinde, Andreas.
Frederick: Und kein Wort zu Vater!
Andreas: Wovon? Dass dieser Hanswurst sich aufhängen wollte? Wie erbärmlich!
Jan: Vater ist nicht hier. Du brauchst niemandem in den Arsch kriechen.
Andreas: Jaja, ihr seid die armen Geschlagenen. Schon klar. Papi hat euch nicht lieb. Aber soll ich euch mal was sagen?! Ihr habt alle noch die beste Karte erwischt. Jeder von euch!
Frederick: Ach, Andreas, siehst du denn nicht...
Andreas: Halt dein Maul, Frederick! Halt dein verdammtes, diplomatisches Maul, hörst du?! Du hast Jura studiert, hast deine eigene Kanzlei. Wie oft ruft Vater dich an, hm?
Jan: Mach mal halbla...
Andreas: Und du?! Der geliebte Älteste! Ökonomie studiert, dickes Auto, Liebling vom Chef! Wie oft ruft der Alte dich an? Na los!
Jan: Ich...
Andreas: Ich sage euch was: Mich ruft er jede Woche an! Wann ich endlich Rektor werde, will er wissen. Warum meine Frau mich verlassen hat. Ob ich aus meinem Leben noch was machen will!
Jede Woche! Und das nur, weil ich auch Lehrer geworden bin. In seine Fußstapfen bin ich getreten und damit sein Spiegelbild! Und du willst dich umbringen? Du hattest zehn Jahre deine Ruhe vor Vater! Ich bekomme alles ab! ICH!
Sebastian: Ich wollte mich doch nur rächen.
Andreas: Rächen? Weißt du was eine gute Rache gewesen wäre?! Wenn du Vater heute gesagt hättest, dass du auf deinen Doktortitel scheißt und eine Lehre als Koch anfängst!
Betretenes Schweigen
Frederick: Wisst wir, was wir jetzt machen? Wir gehen einen saufen. Auf meine Rechnung.
Jan: Was ist mit dem Chaos hier?
Andreas: Lass Mutter das aufräumen. Das macht sie doch schon immer für ihn.
Jan: Sebastian, mach wenigstens den Knoten aus der Wäscheleine. Mutter wird sich freuen. Sie liebt praktische Geschenke. Wisst ihr noch, wie sie sich über das Messerset gefreut hat?

5. Akt
Väter

1. AufzugKurz nachdem die jungen Männer das verwüstete Esszimmer verlassen haben, betritt Georg den Raum. Er hatte sich bis dahin in Hörweite verborgen gehalten.Georg (Monolog): So sehen meine Söhne mich also. Sie hassen mich. Alle vier. Dabei wollte ich doch nur das Beste für sie. Was habe ich falsch gemacht? Kinder wollen immer dumme Dinge. Das weiß ich doch selbst! Als mein Vater im Kohlebau gearbeitet hatte, wollte ich Schreiner werden. In der Werkstatt nebenan. Als Kind ließ der Meister mich manchmal helfen. Ich fand es toll, mit Holz zu arbeiten.
Aber Vater wollte das nicht. Er verdrosch mich so heftig, dass mir Hören und Sehen verging. „Du wirst dich nicht im Handwerk krumm machen, Jerzy!“
Vater hatte bereits alles zurück gelassen, als er als polnischer Gastarbeiter nach Deutschland kam. Und als ich die Ausbildung für die Volksschule machen sollte, legten wir auch noch die letzten Reste unserer Herkunft ab. Aus Jerzy wurde Georg.
Er betrachtet den Strick

Epilog
Adelheid betritt das Esszimmer und sieht Georg von dem schwarzen Eisenhaken baumeln. Sie ist nur eine kurze Sekunde wie erstarrt und geht dann in die Küche um mit einem großem Messer in der Hand wieder zu kommen.Adelheid: Gut, dass Andreas mir das Messerset geschenkt hat. Du verunstaltest ja unser schönes Esszimmer, Georg.Sie schneidet die Leiche ihres Mannes los.
Schlusswort:
Womöglich glauben einige jetzt, das habe mit dem Thema „Depressionen und das öffentlich Machen“ wenig bis nichts zu tun.
Die Antwort darauf findet sich eher zwischen den Zeilen. Hätte Georg seine Familie nicht terrorisiert, hätte er seine Söhne nicht in verschiedene Formen der Verzweiflung und Bitterkeit getrieben. Sein Sohn Sebastian konnte sich, entgegen den anderen Söhnen, nicht von seinem alten Traum Koch zu werden trennen und zog sein Studium gegen den eigenen Willen, gegen die eigene Befindlichkeit, gegen die eigene Depression, die eigenen Selbstmordgedanken durch. Wem in dieser kaputten Familie hätte er sein Leid öffentlich machen können?

Sonntag, 25. August 2019

Schreib-"Challenge" #2.2019 (David): Zwischen den Zeilen...

 

Zwischen den Zeilen - kaum jemand ist in der Lage empathisch und verständnisvoll zuzuhören. (anerzogen, Genetik oder erlernbar)



„Du hörst nie zu!“ mokierte sich Sina, stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf schief. Wenn sie jetzt noch aufstampft sieht sie aus, wie ein schmollendes Kind, denke ich.

Ihrem Gesicht ist diese blanke Verständnislosigkeit anzusehen. Jene Verständnislosigkeit, die man bei Leuten sieht, die sich im Recht wähnen, weil sie ihre albernen Werte nie hinterfragt haben und ihr moralisches Konstrukt auf jeden anwenden, ohne sich jemals die Frage zu stellen, ob das Gegenüber überhaupt die gleichen Werte teilt. Diesen Blick sieht man sonst bei Autofahrern, die das erste mal erfahren, dass Radfahrer sehr wohl Vorfahrt haben können, bei Kneipenopas, die sich wundern, dass man ihren Rassismus nicht teilt, und eben bei Frauen. Bei Frauen, die erwarten, dass man jede ihrer Aussagen entkryptisiert.

Um es gleich zu sagen: natürlich trifft das nicht auf jede Frau zu und natürlich gibt es auch Männer, die gerne mal um den heißen Brei herumreden, weil sie Angst vor direkter Kommunikation haben. Aber meiner Erfahrung nach ist die Erwartung, dass Mann zwischen den Zeilen lesen können muss, durchaus eher weiblich und wird auch gerne als unhinterfragte Norm einfach mal vorausgesetzt.

„Ich habe dir verdammt nochmal gesagt, dass ich von dir abgeholt werden will!“ quakte sie weiter und stampft jetzt auch mit dem Fuß auf, was mir ein Schmunzeln entlockt.
Das war natürlich ein Fehler. Mit flammenden Augen und kreischender Stimme ergeht sie sich nun in einer Schreitrirade über meine Unzulänglichkeiten, insbesondere über meine Unfähigkeit, zuzuhören.

Ich schlürfe meinen Kaffee und höre zu. Dabei sehe ich ihre Wangen auf und ab wackeln, was ihr ein wenig Ähnlichkeit mit einer kläffenden Bulldogge verleiht.
Ich muss erneut schmunzeln. Zum Glück bemerkt sie es nicht.

Dass ich sie heute nicht von der Arbeit abgeholt hatte, war ein Fehltritt in einer langen Reihe Fehltritte. Zumindest aus ihrer Sicht. Dass wir eine Fernbeziehung führten, machte die Sache ohnehin schwierig. Dass sie ständig als Bitte formulierte Anweisungen erteilte, machte es nicht gerade leichter.

„Wo ist deine Empathie?!“ brüllte sie und starrte mich aus kleinen glimmenden Kohlenaugen an.
Offenbar erwartete sie eine Antwort.

Ich nahm noch einen Schluck Kaffee, dann blickt ich ihr in die Augen. Ich wartete einen Moment, dann fragte ich mit leiser, aber fester Stimme: „Wo ist denn deine?“

Sie brauchte einen Moment, um den Vorwurf zu begreifen, doch dann weiteten sich ihre Augen und sie setzte schon zum nächsten gebrüllten Vorwurf an, aber ich kam ihr zuvor. Ich sprang von meinem Stuhl auf, baute mich vor ihr auf und überschrie sie einfach – das war die einzige Möglichkeit, zu Wort zu kommen.

„DU WEISST, DASS ICH ARBEITEN MUSS! DU WEISST, DASS MEINE FAMILIE ABHÄNGIG IST VON DIESEM JOB! DU WEISST, DASS ICH NICHT EINFACH ALLES STEHEN UND LIEGEN LASSEN KANN, NUR WEIL DU WAS WILLST!“

Da ich jetzt ihre Aufmerksamkeit habe, atme ich kurz durch und fahre ruhiger fort.
„Ich kann dich nicht nach Belieben abholen. Und ich kann auch nicht nach Belieben bis nach Aachen fahren, weißt du, was diese verdammten Tickets kosten? Ich kann auch nicht Nachts um drei mit dir telefonieren, wenn ich am nächsten Morgen um sechs aufstehen muss. Ich kann mir dir auch nicht ständig durch irgendwelche Wiesen wandern, wenn mein Heuschnupfen mich umbringt. Und ich kann auch nicht meine Freunde im Stich lassen, nur weil dir gerade langweilig ist.

Dafür gibt es verdammt noch mal einiges, was ich konnte. Ich konnte mich um dich kümmern, als es dir richtig mies ging. Ich habe deine Tränen getrocknet und deine Sorgen in mich aufgenommen. Ich war geduldig mit dir und deinen Problemen. Wie oft haben wir Dinge nicht gemacht, weil du nicht konntest? Weil es dir schlecht ging? Ich akzeptiere auch dein Helfersyndrom und sitze bangend in Dortmund, während ich weiß, dass du irgendeinen Drogensüchtigen auf deiner Couch schlafen lässt, weil er sonst nirgendwo hin kann. Stillschweigend akzeptiere ich deine Ausraster, wenn irgendeine Laune dich mal wieder erfasst.“

Ich mache eine Pause. In ihren Augen sehe ich einen Widerstreit aus Unverständnis und Verständnis, sehe den inneren Kampf, den sie gerade mit ihren eigenen Überzeugungen führt.
„Also, wenn ich mal deine als Bitten getarnten Erwartungen nicht erfüllen kann, dann sieh es mir nach, so wie ich dir auch so Vieles nachsehe,“ fahre ich fort. Ich bemühe mich, sanft zu klingen. Es gelingt mir nicht.

Sie sieht mich lange an, und langsam wandelt sich ihr Blick zurück in den Verständnislosen. Das Begreifen hatte offenbar nicht gewonnen.

„Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns trennen,“ sagt sie und in ihrer Stimme schwingen Verachtung und Bitterkeit mit.