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Montag, 27. April 2020

Ein Wind, ein Sturm, ein Massenpanikum

Ein Wind, ein Sturm, ein Massenpanikum

Ein Sturm zieht auf und er ist so schwer wie der bittere Geschmack von Blei im Mund. So tief wie die Wolken nun hängen, müssten sie längst die Oberfläche der Welt berühren. Und ja, das tun sie. Die wabernden, dichten Schwaden küssen die dunklen Hügel und Straßen. Bahnen sich ihren Weg das Tal hinab. Unaufhaltsam, stetig. Über ihnen und ringsherim wütet der Sturm, der sie immer mehr vorantreibt und dabei anpeitscht. Wie ein Gladiatior thront der Sturm auf den Wolken, wie auf einem alten Streitwagen...befeuert das kolossale Gespann, welches die Erde unter seinen Hufen zum Erbeben bringen lässt.

Alles, was sich dieser großen dunklen Wand in den Weg stellte oder gar schon immer an diesem Platze war - somit sich gar nicht in den Weg stellen konnte - wurde einfach überrollt. Verschluckt. In sich aufgenommen. Wenn man versuchte an dem Sturm und seinen Wolken vorbei zu sehen, musste man entsetzt feststellen, dass es dort kein Ende gab, welches man hätte sehen können. Somit wurden Felder, Häuser, Zäune und Straßen einfach in die Dunkelheit versetzt. Die tiefliegenden, sich unaufhörbar nach vorne schiebenden Wolken glitten über die Ebenen hinweg, wie das sprichwörtliche Messer durch die Butter und nahmen alles in sich auf, was vor ihnen lag. Leider gab es keine Berichte, wie es in der Dunkelheit des Sturmes ausgesehen haben mag. Niemand hatte eine solche Lawine aus Getöse und Blitzen, Donner und Dunkelheit jemals zuvor gesehen. Erschwert wurde dies zusätzlich durch die Tatsache, dass das Ende des Sturmes eh nicht zu sehen war.

Gut fünfundzwanzig Kilometer weiter weg, auf einem von Wind und Wetter geformten großen Felsen, mitten auf einem Hügel, der mitten auf einem Acker zugegen war, stand Xxx und sah aus sicherer Entfernung, wie ein ganzes Dorf, inklusive der Vorortschaften, einfach verschwand. Aus dieser Entfernung, mit diesem Abstand zu diesem Monster von Wetter, konnte Xxx auch das Ende des Sturmes sehen...und ja...es war enorm weit weg. Extrem. Eigentlich nicht zu glauben...wenn man es nicht selbst gesehen hatte. Kilometer über Kilometer zog sich der dicht-diesige Dunst auseinander. Im Ganzen betrachtet, sah es ein bisschen so aus wie ein enorm großer, schwarzer Stein einer dänischen Kunststoffklötzchenfabrik. Ziemlich rechteckig, dachte sich Xxx. Zudem war es das Verstörendste und zugleich Beeindruckendste, was er je gesehen hatte.
Passender Weise lief gerade Tribute von Tenacious D in seiner Playlist, was die Stimmung in diesem Moment noch sehr viel surrealer machte.

Xxx blickte sich um und sah sorgenvoll sein Heimatdorf in einem (noch) sicheren Abstand in etwas über fünfundzwanzig Kilometern Entfernung und fragte sich, was passieren würde. Xxx sprach sich selbst zwar des Öfteren sehr gute Augen zu, aber in Wirklichkeit war das Land um ihn herum einfach nur unglaublich flach und eben. Der Felsen, auf dem Hügel, auf der Ebene, auf dem er stand, war im Radius von ungefähr fünundzwanzig Kilometern die höchste Erhebung weit und breit. Man hatte also sehr leicht einen sehr guten Überblick und eine Aussicht...ein Träumchen...nur Holland war schöner.

Er nahm wieder dieses Ungetüm von Wolkenwand und Windespracht ins Auge und sah, scheinbar Unglaubliches. Kaum hatte der Sturm Das Dorf bis zu dessen Grenzen eingenommen und in sich begraben - Man stelle sich eine Kuppel aus tiefschwarzen Wolken vor, die nun förmlich auf dem gesamten Dorfgebiet zum Stillstand kam. Aus der langgezogenen Schar des Sturmes wurd eine Kuppel, bestehend aus Wetter (sehr schlechtem Wetter), die das komplette Dorf einmal überstülpte, um dann, Augenblicke später, zuerst mit einem ohrenbetäubend lauten Surren, das immer hochfrequenter und schneller wurde und dann mit einem Zischen, welches seines Gleichen suchte, in einer Art schwarzem Loch zu verschwinden.

Der Sturm war weg. Das Dorf leider auch. Wohl gemerkt...es blieben schon noch so ein paar Ruinen und Trümmer übrig, aber die waren kaum der Rede wert. Der Himmel zeigte sich auch wieder in einem neutralen, farblosen Blau und eigentlich war alles wie immer...nur deutlich leerer. Und sehr viel leiser, mutmaßte Xxx, der mit weitaugerissenen Augen dastand und nicht wirklich wusste, wie er das Passierte einzuordnen hatte.

"Ob diese Welt hier nun zu Ende geht..." murmelte Xxx vor sich hin, als er sich dann rasch umdrehte, den Felsen in zwei gekonnten Sätzen hinter sich ließ, um dann geschmeidig den Hügel hinunter zu sliden. Unten angekommen ging er unmittelbar - wie aus einem Guss - weiter. Die Hände in den Taschen des staubigen Mantels vergraben, den Kragen hoch aufgestellt, den Kopf gesenkt. Er hielt kurz inne und schaute sich noch einmal blinzelnd um, bevor er zu seinem Strand-Buggy ging, einstieg und erstmal tief durchatmete.

Was war jetzt der Plan? Xxx war noch nicht lange für das Wetter verantwortlich und so Etwas - beim besten Willen - hatte eh noch nie jemand vorher gesehen oder?! Was sollte man da machen?
Blitze, Donner, Gewitter im Allgemeinen, Hagel, Sturm und Regen...alles gut, das kannte man, da wusste man, was passiert. Aber ein kaum zu überblickender, offenbar sehr zielgerichteter Monster-Sturm, der zudem sein Form ändern konnte und - was wirklich erstaunlich war, für ein Wetter solcher Größe - einfach im Nichts verschwand...da sollte erstmal einer eine plausible Erklärung für haben. Fragen über Fragen ploppten, wie säurehaltige Blasen vor seinem inneren Auge auf und verpufften mit einem leisen Zischen, sobald die nächste Frage sich in seinem Kopf bereit machte.

Wo kommt es her? Was will es? Ist es überhaupt ein Es? Warum das Nachbardorf? Würde das Wetter auch bei Ihnen zu Hause wütend werden? Wenn ja, was konnte er tun? Xxx viel spontan nichts ein, was die Fragen auch nur ansatzweise beantwortet hätte.

Er beließ es erst einmal bei dem Chaos im Kopf, startete den Motor und mit rock you like a hurricane auf den Ohren machte er sich bleißüßig auf den Weg nach Hause. Im Rückspiegel war immer noch deutlich die Schneise der Verwüstung zu sehen, die der Monster-Sturm nach seinem verschlingenden Wüten zurückgelassen hatte. Ein Dorf...zack...einfach weg. Und er war dabei gewesen. Zu schade, dass das alles vor der Erfindung der allseits bereiten Handykamera passierte, dachte sich Xxx...aber nun gut...es hat sich eh in sein Hirn eingebrannt, wie heiße Eisen in Holz. Die Bilder wurde er so schnell nicht mehr los. Ackerboden wirbelte herum, als Xxx den Buggy trat und über die Ebenen heizte...

Ein Wind, ein Sturm, Ein Massenpanikum. Was wäre, wenn jemand diesen Sturm bewusst eingesetzt hatte? War dieses Monstrum eventuell ein Instrument? Ein reines Werkzeug des Chaos und der Verwüstung? Oder war es einfach eine noch nie dagewesene Abnormalität der Natur? War es die Essenz dieser Welt, die sich dazu entschied, aufzubegehren und sich das zurückzuholen, was ihr einst genommen?

Die Menschen nannten es Chaos, Verwüstung und Ungerechtigkeit. Alles, was sie sich so lange aufgebaut und erwirtschaftet hatten, wurde mit einem Mal zerstört und zu Nichte gemacht. Sähe die Natur es genau so? Oder wäre es die ausgleichende Gerechtigkeit, die mit der Zeit kommt? Die natürliche Selektion des Lebens? Der Ausgleich eines Universums? Gab es vielleicht nur indirekt etwas, dass dieses Massenpanikum begründete oder erklären konnte?

Xxx war sich sicher, dass dies nicht der einzige Sturm seiner Art gewesen sein sollte. Irgendetwas in seiner Magengegend klopfte vehement an seinen Geist und bescherte ihm das ungute Gefühl, dass es bald noch viel mehr solcher Erscheinungen geben würde. Die Frage, warum dieses Spektakel passierte war mittlerweile zu Nebensache geworden. Xxx machte sich nun mehr Gedanken und Sorgen darüber, wie er seinen Mitmenschen in seinem Heimatdorf erklären sollte, dass sie höchstwahrscheinlich bald nichts mehr von ihrem Dorf haben würden. Er legte sich die Worte immer wieder zu Recht, die er an die Dorfgemeinschaft wenden wollte. Und er hoffte inständig, dass sie ihm glauben würden. Ihn beschlich aber zeitgleich auch das Gefühl, dass er wieder mal als Spinner und Fantast bezeichnet werden würde. Wie solle es auch einen Sturm geben, ein Monster, etwas Nie-Dagewesenes, was im Stande wäre ein Dorf zu verschlucken? Wohlmöglich sagte die Menschen über das zerstörte Nachbardorf: "Die haben doch bestimmt wieder mit Feuer gespielt und haben ihr eigenen Dorf versehentlich in Brand gesteckt.", oder "Ach, Die schon wieder, hinterwäldlerische Bauern." Selbst wenn sie die Verwüstung mit eigenen Augen sehen würde, so war sich Xxx sicher, würden immer noch Einige sagen, dass die Anderen es selbst waren oder selber, aus irgendeinem fadenscheinigen Grund, dafür verwantwortlich waren.

Xxx fühlte sich in seiner Position oft machtlos und ungeschätzt. Lag es daran, dass er ein ganz anderes Verständnis für die Dinge hatte? Lag es daran, dass er nicht in einer konservativ-zusammengeschweißten Denkweise verharrte, wie der Großteil der Gemeinschaft?! Tief im Inneren wusste er schon lange, dass er anders war. Und ganz offensichtlich entgegnete ihm die Gesellschaft, in der er sich aufhielt, genauso. Er war ein Einzelgänger. Er hatte die Position seines Vaters ohne Frage und Zweifel einfach übernommen, als dieser starb. Seine Mutter war schon längst von dieser Erde gegangen und seine Schwester...naja...sie war so etwas wie das Fähnchen im Wind. Sie schlug sich schon früh auf die einfache Seite des Systemes. Sie wusste dabei ganz genau, wie sie die Mechanismen und Modelle, die in dieser Gesellschaft vorgegeben wurde, zu ihren Gunsten nutzen konnte und tat dies! Hätten sie in einer Monarchie gelebt, wäre sie wohl die unangefochtene Königin gewesen. Eine Königin, die voller Egoismus, Verschwendung und Eitelkeit war. Was genau bei Ihr in die andere Richtung lief, war für Xxx zwar erklärbar, aber nicht nachvollziehbar. Wie konnten die gleichen Gene so sehr in verschiedene Richtungen ausufern? Der Tod ihrer Eltern, besonders der ihrer Mutter, war daran maßgeblich beteiligt.


So stand Xxx nun vor dem geparkten Buggy, den er neben seiner Hütte abgestellt hatte, blickte erneut zurück über die Ebenen und wusste immer noch nicht so richtig, was seine Bemühungen und die Berichterstattung auslösen würde. Er ging hinüber zu der kleinen Veranda, seines nicht weniger kleinen Domizils, trat sich die staubigen Stiefel an der Stufe ab, setze sich auf die einfache Holzbank, vergrub sein Gesicht in seinen Händen und atmete erstmal kräftig durch.

Samstag, 15. Juni 2019

Der Wolf und das wollige Gewand

Lupus et iaccam (der Wolf und der Mantel)

Es war einmal...ein Wolf im wolligen Gewand.

Es war Winter und der Wolf hatte das wollige Gewand bitter nötig, denn er zitterte ganz fürchterlich. Er war schwach und müde, die Nahrung wurde knapp, nein...sie war gar nicht mehr vorhanden. Das wollige Gewand blieb beim letzten Mahl übrig und er streifte es notgedrungen einfach über, da es damals schon sehr sehr frostig gewesen war.

Das arme Schaf, das nun tot und ohne Fell war. Zumindest der Teil von dem Schaf, der irgendwie übrig blieb, hatte kein Fell mehr. Der Wolf ließ das gerissene Vieh einfach im Schnee zurück, nachdem er zaghaft und erschöpft ein paar Bissen und Fetzen aus dem Kadaver kaute. Besser das Schaf, als er selbst, dachte der Wolf. Und ein neuer Mantel. Tod. Win. Win.

Der Schafspelz wärmte ihn schon ganz gut. Das war auch bitter nötig, denn er zitterte ganz fürchterlich. Er trug den Pelz nun schon ein paar Wochen mit sich herum. Weiterhin auf der Suche nach mehr Nahrung oder vielleicht Erlösung. Er konnte eigentlich schon lange nicht mehr und seine Knochen und Glieder waren schwer. Von der einst so dynamischen Athletik blieb nicht viel. Er schleppte sich selbst und zudem das wollige Gewand durch den tiefen Schnee. Vielleicht fand er ja doch nochmal ein Reh, spekulierte er...fantasierte er.

Zwei Tage später kroch das oberflächlich weiß-gelockte Tier immer noch durch die verwehten Wälder. Der Wolf schlich mittlerweile so gebückt unter dem Gewicht des mit Schnee bedeckten Mantels, dass man meinen konnte, es handle sich tatsächlich um ein verirrtes und sichtlich verwirrtes Schaf auf Abwegen. Aber es war nur ein müder und kraftloser Wolf, der bald den Waldesrand erreicht haben würde. Das wollige Gewand wog so schwer, aber es war weiter bitter nötig, denn der Wolf zitterte ganz fürchterlich. Man konnte ihn schon klappern hören. So dünn und knochig war er nun.

Kriechend trat er bald aus dem Wald hervor. Ringsherum weites Land. Ein paar Hügel lugten hervor. Sonst war da nicht all zu viel, außer noch mehr weißer Winterpracht. Der Wolf hielt einen Moment inne, verharrte ganz kurz, spitzte die geknickten Ohren und dachte, ihm sei so, als höre er, wie jemand lachte. Er legte sich vorsorglich schonmal auf die Lauer, an Ort und Stelle. Merkte aber wie kalt es ohne das wollige Gewand am Bauch wurde und erhob sich ziemlich schnell wieder.
Irgendwas witterte er nun aber doch. Hinter dem Hügelchen...da war doch was?!

Taps. Taps. Kriech. Schnüffel. Taps. Das Schaf, ehm der Wolf, der so ausgemergelt unter Gewicht der Schafaußenseite erdrückt werden zu schien, näherte sich behutsam der Hügelkuppe, um einen relativ klaren Blick für die Situation zu bekommen. Von der anderen Seite des Hügels sah es nun so aus, als würden zwei Schafohren hinter der Kuppe hervorkommen. Aber es war natürlich der Wolf mit seinem bitter nötigen und wolligen Gewand.

Als der Wolf nun sah, was er eben hörte, wurde ihm ganz warm ums Herz und der Sever flutete ziemlich schnell seine Lefzen. Was er nun sah, machte in der Regel mäh, war in der Regel trotzdem weiß und man konnte prima Mäntel daraus machen. Da standen oder besser gesagt ruhten doch glatt zwei Schafe. "Hurz" schoss es dem müden Wolf durch den von Hunger zerfressenen Schädel. Was zu Beißen war bitter nötig, denn er hungerte schon fürchterlich.

Der Wolf mit dem wolligen Gewand plante den Angriff. Viele Optionen gab es leider nicht, musste er feststellen. Da war ein knochiger Busch auf halbem Wege die Böschung runter. Nun gut. Unbemerkt hinter den Busch und dann so schnell es geht rauf auf die Viecher und ran an die Kehlen. Er rechnete aber schon damit, jeweils zweimal zubeißen zu müssen...auch die Beißkraft litt unter dem wolligen Verstand.

Er nahm gebückt seinen Weg auf und behielt dabei die beiden Happen ganz genau im Auge.
Bisher schienen sie ihn aber weder erkannt, noch bemerkt zu haben. Schon toll so ein Mantel, dachte sich der Wolf und war jetzt sogar so optimistisch, dass er den Busch links liegen ließ und direkt auf die Mahlzeiten zusteuerte. Meter um Meter näherte er sich. Schlich nun nicht mehr und machte die entscheidenden Sätze und setzte mit Enthusiasmus und aller nötigen Kraft seine medium-scharfen Reißzähne in die Kehlen der Woll-Tiere, die wie erschrocken nur kurz zuckten und beide – mehr oder weniger – ziemlich schnell starben.

Der Wolf - froh um den wolligen Mantel, der ihm eine scheinbare Unsichtbarkeit ermöglichte – blickte nun ein bisschen stolz auf das Ergebnis seiner Attacke, musste aber mit Entsetzen feststellen, dass er gar nicht so stolz sein konnte. Er prustete gerade noch die letzten dunklen Fellreste aus seiner Schnauze und wunderte sich, warum, die Schafhaare, wie wie Wolffell schmeckten. Da lagen nun beide toten Tiere, gerissen durch den gerissenen aber müden und ausgemergelten Wolf und bluteten ein bisschen die Landschaft voll. Der Wolf blinzelte zweimal, schüttelte sich kurz und sah, dass die Schafe in Wirklichkeit zwei andere Wölfe mit einem wolligen Gewand waren, die dort am Ende ihrer Kräfte lagen und scheinbar zu schwach waren, sich ihrer Verkleidungen zu entledigen.

Der Wolf übergab sich kurz. Er war nun völlig verwirrt und entrückt. Er ließ sich einfach resigniert auf den Boden sacken und blickte, den Mantel immer noch über den Schultern, in die toten und blassen Augen seiner gerissenen Artgenossen. War das die Erlösung gewesen, die er suchte? Außer leeren Blicken bekam er aber keine schlüssigen Antworten und gab letzendlich einfach auf. Er erlöste die Beiden, obwohl er sie eigentlich nur fressen wollte. Wer würde ihn nun erlösen? Auch diese Antwort blieb ihm verwehrt, denn er entschied sich, den Mantel des Schweigens auf alles herab zu lassen und sich selbst zum Sterben neben seine Artverwandten zu legen.

So täuschte eine vermeintliche List eine andere List und hinterließ drei Wölfe im wolligen Mantel. Von oben betrachtet, sah man nur zwei rote Lachen, die sich kreisrund in den kalten Schnee fraßen.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Licht (eine Story in 8 Sätzen)

Licht

Als die massive Holztüre unter Knarzen und Knacken von außen aufgedrückt wurde, flutete blendendes, weißes Licht den kleinen, dunklen Raum.

Es war ein künstliches und hartes Licht, gleißend und schmerzend und alles andere als warm oder wohltuend.

Das Licht war nur ein weiteres Instrument der mentalen Folter, so wusste er, aber das machte es jetzt auch nicht besser oder angenehmer.

Rein gar nichts dagegen unternehmen zu können, ein Spielball für jemanden zu sein, dem es wohl gefiel, wie er das Licht als Werkzeug einsetzen konnte, war die Hölle auf Erden.

Dann wurde die schwere Türe wieder ruckartig zugezogen und mit dem letzten Klacken des abschließenden Schlüssels, verebbte auch die Hoffnung um ein weiteres Mal.

Jetzt war die Finsternis wieder da, obgleich er - die Augen geöffnet oder geschlossen - immer mit weißen, temporären Flecken auf seiner Netzhaut zurückblieb.

Sofern diese Lichtflecken dann verblassten, kehrte auch die totale Ruhe wieder ein und er war froh um die Dunkelheit, die friedlich war, im Vergleich zu dem harten und schneidenden Licht.

Er hoffte einfach nur, dass dieses Martyrium bald ein Ende haben würde...denn wenn es so weiterginge, so war er sich sicher, würde er sehr bald den Verstand verlieren und zu gar nichts mehr im Stande sein.

Samstag, 2. Februar 2019

Das ewige Mädchen

Wenn ich an sie denke, dann sehe ich Blumen und Blüten. Dann rieche ich Lavendel. Ich sehe sie in der Gegenwart aber auch in einer alten Zeit. Ich sehe sie in etwas Vergangenem, was zugleich präsent erscheint. Die Aura, in der sich meine Gedanken an sie bewegen, ist erfüllt mit zeitlosem Dasein schwingender Harmonie. Es war jeher ein sehr einvernehmliches Miteinander, obgleich sich unsere direkten Wege eher selten kreuzten. Ich schätze ihren Sinn für das Gesamte und die unsichtbare Akzeptanz, die sie aufbringen kann.

Wenn ich an sie denke, denke ich an Übereinstimmung. Ich denke an tiefes Verständnis und Demut. Ich erinnere mich gut, wie sie etwaige Konversationen mit ihrer fröhlich-frechen Art und Weise ein ums andere Mal erheiterte. Ihre Augen funkelten unentwegt, als sie von den Abenteuern des Lebens und dem Enthusiasmus erzählte, der nötig war um dem Leben auf der Nase tanzen zu können. Sie liebt es, zu tanzen und sie liebt die Musik. Sie liebt das Leben und sprüht förmlich vor Optimismus. Sie ist ansteckend. Euphorisch. Inspirierend. Voll des Lebens.

Wenn ich an sie denke, dann sehe ich aber auch, wie verletzlich sie sein kann. Ich muss an die intensiven und schweren Unterhaltungen denken. An die Momente totaler Offenheit und Ehrlichkeit. Die Momente des Zweifels und der Ohnmacht. Ihre Augen funkelten bei diesen Gesprächen nicht. Sie blickte oft minutenlang in eine Richtung und ließ ihre Gedanken dabei schweifen. Sie ließ die Gedanken über sich kommen. Sie starrte dabei ins Leere. Aber in ihr, das konnte ich sehen, arbeitete ihr wahres Ich auf Hochtouren. Alsbald würde sie sich des leeren Blickes mit einem raschen Schütteln des Kopfes entledigen und der Funke würde wieder in ihren Augen zu sehen sein. So war es immer gewesen, so wird es immer sein.

Wenn ich an sie denke, dann sehe ich ein Lächeln. Ich sehe die Sonne. Ich freue mich darüber, ein Stückchen der Ewigkeit mit ihr teilen zu können. Ich schätze ihre Zeitlosigkeit und ihre leichtsinnig lockere Sicht der Dinge. Ich schätze es, dass wir so verschieden sind und dennoch so viel gemeinsam haben. Sie erinnert mich an jemanden, der ich immer sein wollte. An jemanden, der immer der inneren Stimme folgt. Sie erinnert mich an den Sinn der Leichtigkeit und das Bestreben, für immer eine unbeschwerte Seele haben zu wollen.

Die Ewigkeit schützt vor Schwere nicht, das wissen wir beide. Ganz im Gegenteil, die Erfahrungen der endlosen Situation sind mannigfaltig und unter Umständen ausschweifend. Wenn ich an sie denke, habe ich manchmal Angst, dass sie sich der Mannigfaltigkeit zu sehr hingibt und irgendwann nicht mehr aus ihr heraustreten kann. Das darf niemals geschehen. Und das wird es nicht!

Sie ist und bleibt das ewige Mädchen, das ich einst kennenlernte. Sie wird immer die sein, die sich hoffnungslos verliebt. Sie wird immer die sein, die ohne offensichtlichen Grund weint. Die, die auch mal zickig ist und Launen an den Tag legt. Sie wird aber auch immer die sein, auf die du dich verlassen kannst. Die mit dem guten Herzen...dem zu großen Herzen. Sie wird immer die sein, die tanzt und feiert, als gäbe es keinen Morgen. Die, die ohne Musik nicht leben kann. Sie wird immer das Mädchen sein, was Poster im Zimmer hängen hat und Idole, die es anhimmeln kann. Sie ist die, die nicht davon ausgeht, dass die Welt ungerecht und grausam ist. Sie ist die, die einfach lebt, mit allen Höhen und Tiefen. Sie ist das Mädchen, das sie immer sein wollte. Für jetzt und immer und darüber hinaus.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Das Märchen vom Bärchen

Es war einmal... 

...eine Bärenmutti. Sie war alt und zottelig und das Leben hatte Sie gezeichnet. Sie kam in ihrem Territorium schon viel herum und reiste immerzu von Höhle zu Höhle. Die Bärin ließ sich hier und da, ab und an, schwängern, um in natürlicher Regelmäßigkeit neue Bärchen zu gebären. So produzierte sie, alles in allem, neun kleine Bären, von denen sechs irgendwo auf der großen weiten Welt umherstreifen. Im besten Fall produzierten die Bärchen selbst auch schon neue Bärchen. Das hoffte die Bärin inständig. Man verlor sich halt schnell aus den Augen. So war es nunmal, wenn man Einzelgänger war. 

Zwei ihrer neun Bärchen kamen leider nie in den Genuss eines langen Lebens. Sie verhungerten in ihren jeweiligen Wintern. Die Bärin war untröstlich, dass sie es zweimal nicht geschafft hatte, genug Nahrung für sich und ihre komplette Brut zu beschaffen. Das Leben veränderte sich. Erst die letzten beiden Würfe liefen Gefahr, nicht genug Nahrung zu bekommen. Früher war alles besser, dachte die Bärin, die sich mit ihrem letzten kleinen Bärchen durch einen letzten Winter schlug. Nicht mehr lang und ihr Kleines würde von Dannen ziehen und die Welt erleben.

Nun lagen die Beiden in einer Höhle und warteten darauf, dass der tosende Schneesturm sich legte. Dieses Bärchen würde nun ihr letztes Wunder werden...das spürte sie. Ihre Tage waren gezählt und als letzten Akt der Schenkung würde sie noch dieses eine Bärchen auf die Welt gesetzt haben. Sie hatte sich gut um den Spross gekümmert und die Tatsache, dass sie sowieso nur noch ein Junges anstatt zwei oder drei gebar, war eine natürliche Anpassung an die sich verändernde Welt.

Der Sturm legte sich allmählich. Die Bärin seufzte schwer. Jetzt war es bald soweit. Das kleine Bärchen schien putzmunter zu sein und tobte scheinbar lustig durch die muckelige Höhle. Die Bärin sah durch ihre trüben Augen nur noch die Umrisse des Jungen und nahm lediglich verschwommene Bewegungen wahr. Sie wusste, die letzten Atemzüge kamen über sie. Sie würde sich von ihrem Jungen verabschieden, es ermutigen, in die Welt hinauszugehen und dem Kreislauf des Lebens zuzustimmen. Auf dass das letzte Bärchen ein Glückliches werden würde.

Die Bärin blinzelte. Ihre Lider waren nun schwer und es war fast nicht mehr möglich dagegen an zu kämpfen, sie lange aufzuhalten. Ein letztes Mal schnaubte sie. Ein letztes Mal sagte sie, "Geh!". Ein letztes Mal hatte sie so etwas wie Hoffnung.

Ein letztes Mal merkte sie aber auch, wie sie mit sich selber redete. Ein letztes Mal hielt sie der Gedanke am Leben, ein Bärchen in die Welt gesetzt zu haben. Ein letztes Mal wurde ihr klar, dass sie schon eine ganze Weile in dieser Höhle lag. Und ein letztes Mal holte sie die Realität ein. Sie schloss die Augen nun für immer. Der Schneesturm wurde wieder stärker und verschneite jede Erinnerung an sechs kleine Bärchen, die irgendwo versuchten, sich irgendwie anzupassen.

Sonntag, 2. September 2018

Der Versprecher


...und so standen sie beide nun da. Etwas verwirrt, wie sie hierher gekommen waren, schauten sie sich ratlos und fragend an, blickten sich ein ums andere Mal in dem kleinen Raum um, in dessen Mitte ein kleines Pult montiert war. Sonst war in dem Raum nicht viel zu sehen. Außer einer leuchtenden Leuchtstoffröhre, die an der Decke angebracht war, dem kleinen Pult und ihrer beiden Personen, war da nichts. Es gab nicht mal eine Türe, geschweige denn, einen Lichtschalter.

Man stelle sich einen Klotz aus Beton vor, der innen hohl ist. Grau und kalt war es in diesem Betonraum. Der Raum war maximal drei mal drei mal drei Meter groß. Bei genauerem Hinsehen verschwamm die Flucht der einheitlichen Wände aber ein ums andere Mal, so dass der Raum sich leicht danach anfühlte, als würde er sich in sich selbst etwas bewegen. Ihr wurde etwas schwindelig und sie setzte sich auf den nackten Boden. Er, den Raum nach irgendetwas Greifbarem absuchend, tigerte nervös an den Wänden lang. Wer war sie, fragte er sich. Wer war er, fragte sie sich. Sie kannten sich nicht.

Kaum hatten sie diese Gedanken zu Ende gedacht, pulverisierte sich in der Mitte des Raumes, hinter dem Pult, eine Person in umgekehrter Reihenfolge. Nicht die Person war in umgekehrter Reihenfolge, sondern die Art und Weise, wie sie dort auftauchte. Man stelle sich nun eine pulverisierende Explosion vor, die rückwärts abläuft und in deren eigentlichem Anfang sich eine Person materialisierte. Die nicht vorhandene Luft wurde kurzzeitig von einem einzigartigen shooows erfüllt. Dann war es wieder stumpf und still. Die beiden bemerkten nicht einmal, dass sie ihre eigenen Atemgeräusche gar nicht hörten. Würden sie auf ihre Handgelenke schauen und einen Puls suchen, so würden sie diesen zwar sehen, aber nichts weiter spüren. 

Sie, während das Pulver sich verzog, immer noch auf dem Boden sitzend, sprang nun auf, wich einen Meter zurück und kalter Beton berührte ihre Hände. Er stand dort neben ihr, mit dem Rücken zur gleichen Wand. Beide schauten nun - zu Recht etwas entgeistert - in die Raummitte. Dort stand diese ominöse Gestalt an dem kleinen Pult. Grau, groß, ziemlich schlank. Ein adretter Anzug hing ihm locker auf den Schulter. Folgte man dem langen Revers hinauf zu seinem Gesicht, sah man ein Gesicht, das von Ausdruckslosigkeit geprägt war. Von dem langen stumpfen Kinn, über die schmale, leicht krumme Nase, bis hoch zur Stirn gab es keine Anzeichen für Mimik oder Ausdruck. Die Gesichtsfarbe war ebenfalls an das Grau des Betons angepasst und war aufgrund von nicht vorhandenen Poren, Falten oder Anzeichen von Bewegungen, glatt und emotionslos. Was die beiden aber wirklich erschaudern ließ, war die Tatsache, dass diese große, graue Person weder Augen noch Ohren hatte. An der Stelle, wo sich die Augen nebst Augenhöhlen normalerweise befinden, war einfach nur eine kahle, blanke Stelle. Keine Vertiefungen, wie bei einem Totenschädel. Eher so, wie bei einer Modellpuppe aus Holz: plan und eben, angepasst an die Symmetrie des Schädels. Die fehlenden Ohren gaben diesem Bild einen abrundenden Schwung und sorgten für regungslose Entgeisterung bei den vermeintlichen Gefangenen in dem Betonraum.

Die Gestalt am Pult lächelte ganz kurz, öffnete dann ihren ziemlich menschlichen Mund und sprach. Der Redner sprach die beiden an der Wand Stehenden direkt an. Er sprach so, als wäre es das Selbstverständlichste nun das Wort an sie zu richten. Seine Stimme war vertraut und angenehm. Sie fand, dass sich seine Stimme anhörte, wie die männliche Variante der Stimme einer ihrer besten Freundinnen. Er vernahm in seiner Stimme eine ähnliche Vertrautheit, auch wenn er nicht ganz zuordnen konnte, wen er mit dieser Stimme verbinden sollte. Stimme hin, Stimme her. In dem Betonraum gab es anscheinend überhaupt keinen Raumklang. Jedes Wort verebbte unmittelbar nach dem sein letzter Buchstabe gesprochen wurde. Kein Nachhall, kein emotionales Dehnen von Endungen. Es war sehr...wie soll man sagen? ...man hatte ein permanentes Gefühl der Komprimierung. Als er sprach, wurde jedes Mal ein kleines bisschen von einem Vakuum verdrängt, um den Worten ganz kurz Platz zu machen, um dann wieder mit einem lautlosen pflp die Dichte der Umgebung zu komprimieren.

"Hallo." sagte er. "Ich bin der Versprecher. Sei gegrüßt." Als er sprach, sprach er die beiden verwirrten Menschen gleichermaßen an. Sein Kopf war weiterhin in einer aufrechten Haltung, es war keine weitere Regung auszumachen, als die sich bewegenden Lippen. Mit Augen, wäre sein Blick wahrscheinlich starr und stierend gewesen. Seine Nasenspitze schien genau auf die Mitte zwischen den Beiden an der Wand zu zeigen. Sie mussten, wie gebannt, seinen Lippen folgen und den Worten lauschen. Es sah so aus, als würde er sprechen, allerdings tat er dies direkt in ihren Köpfen. Jeder der beiden vernahm unterschiedliche Worte, die der Versprecher aber gleichzeitig an sie zu richten schien. "Ich bin hier um Dir mein Wort zu geben." fuhr der Versprecher fort. "Höre auf meine Worte. Verlasse Dich darauf, dass es das wert ist."

Die Beiden lauschten weiter, etwas anderes blieb ihnen auch gar nicht übrig, und hörten dabei, wie
der Versprecher in ihren Köpfen kommunizierte.
Sie hörte: "Ich gebe Dir mein Wort, dass egal, was passiert, immer jemand hinter dir stehen wird, dich auffängt und im Notfall auch den Spaten bereit hält."  
Er vernahm: "Ich gebe Dir mein Wort, dass ich stets aufrichtig mit dir umgehen werde."

"Ich gebe Dir dieses Versprechen. Denn ich bin der Versprecher. Ich sage Dir Dinge, die du glauben sollst und kannst. Ich gebe Dir mein Wort. Achte darauf und behalte es in Erinnerung. Vertraue mir." So sprach der Versprecher zu den Beiden und wiederholte noch einmal, nun mit einer etwas verzerrteren Stimme: "Ich gebe Dir mein Wort, dass egal, was passiert, immer jemand hinter dir stehen wird, dich auffängt und im Notfall auch den Braten bereit hält." Zeitgleich und parallel:
"Ich gebe Dir mein Wort, dass ich stets unaufrichtig mit dir umgehen werde."

So war er...der Versprecher: eindringlich, im Kopf, vertraut und irgendwie versprechend. Nachdem er die Worte wiederholt hatte, verschwand er noch plötzlicher, als er aufgetaucht war. Dieses Mal blieb die umgekehrte Pulverisierung aus. Es gab auch keine wirkliche Dematerialisierung. Er war einfach weg. Ein Blinzeln reichte aus und er war verschwunden. Der Betonraum war wieder so stumm und komprimiert, wie zuvor. Beide schauten sich noch einmal kurz an und wachten verwirrt auf.

Sie öffnete schlagartig die Augen und starrte an die Decke ihres Schlafzimmers. Kalter Schweiß rann von der Innenseite Ihrer Schädeldecke und tropfte penetrant auf ihre Erinnerung. "Was ein behinderter Traum..." murmelte sie vor sich hin, als die Bilder und Worte des Versprechers in ihrem Verstand aufblitzten. "Ernsthaft? Es wird jemand hinter mir stehen, der einen Braten bereit hält!? Und wer war der Typ, der auch da gewesen ist? Warum träume ich von fremden Menschen?" Sie schüttelte innerlich heftig mit dem Kopf, bei dem Versuch diesen Traum einzuordnen. "Der Versprecher, der Versprecher...was eine Gestalt..." dachte sie voller Argwohn, stand auf, ging zum Kühlschrank und entnahm diesem ein Kaltgetränk. Während sie einen kräftigen Schluck aus der Flasche saugte, grübelte sie weiter: "...gebe Dir mein Wort...auffängt...Spaten...Sagte er wirklich Spaten? Oder hat er sich nur Versprochen, als er Braten sagte?" Sie erinnerte sich daran, dass der Versprecher zweimal zu ihr gesprochen hatte...wusste aber beim besten Willen nicht mehr, welche Variante ihr nun versprochen wurde..."...hmmm, Braten...." Bei diesem Gedanken, schien sich der Geruch eines lecker duftenden Stückes Fleisch, welches im Ofen lustig vor sich hingart, zu verbreiten...

Er öffnete schlagartig die Augen und starrte an die Decke seine Schlafzimmers. Warmer Schweiß rann von der Außenseite seiner Schläfe und bahnte sich seinen Weg entlang der Ohrmuschel, um dann von seinem Ohrläppchen zu tropfen. "Was war das denn jetzt für ein Traum?" dachte er sichtlich verwirrt. Die Stirn in Runzeln und mit einem leichten Kopfschütteln, setzte er sich im Bett auf, fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht und atmete einmal kräftig durch. "Ein Versprechen? Aufrichtigkeit...das ist ja eh voll mein Thema gerade...", resignierte er ein wenig und dachte weiter über diesen leicht skurrilen Traum nach: "Man, man, warum erinnere ich mich so gut an diesen Traum? Normalerweise bin ich doch gar nicht so...und überhaupt: fremde Menschen? Wer war sie? Und warum sah dieser Versprecher so aus, wie er aussah? Sagte er wirklich "..., dass ich stets unaufrichtig mit dir umgehen werde."? Oder war das nur ein Versprecher? Passen würde es ja irgendwie..." Er machte zuerst die kleine Lampe auf dem Beistelltisch an und sich dann selbst eine Zigarette. Blauer Dunst erfüllte den kleinen Lichtkegel und es schien für einen kurzen Moment nach Braten zu riechen...

Zeitgleich, aber an verschiedenen Orten kam den beiden spontan wieder das Bild des Antlitzes des Versprechers in den Sinn. Er sah schon gruselig aus. Ganz ohne Augen und Ohren...fahl, grau, karg, hager. Sie erschauderten für einen Bruchteil des Momentes und Gänsehaut fuhr, wie eine winzigkleine Laola-Welle, über ihre Körper hinweg. Seine Stimme war im Gegensatz zu seinem Äußeren allerdings sehr vertraut gewesen, erinnerten sie sich. ...und der Effekt mit dem rückwärts passierenden Pulverisieren war schon echt ein Hingucker. Die Gelähmtheit, die sie empfanden, als er zu ihnen sprach, war eher uncool. Und die Tatsache, dass man von fremden Menschen träumte war weiterhin dubios. Es war ein lebhaft unlebhafter Traum mit viel Erinnerungspotential. Für beide war es individuell aber simultan und dennoch ähnlich. Die Unsicherheit und Ungewissheit über die Deutung und Wahrnehmung dieses Traumes im Nachhinein, ließ beide noch ein wenig wach bleiben und darüber nachdenken, bevor sie wieder der gewohnten Schlafroutine beiwohnten.

Am nächsten Tag, Feierabend, traf sie sich dann mit ihrem besten Kumpel. Er traf sich wiederum mit seiner besten Freundin. Sie schilderten und erzählten ihren Herzmenschen von dem Traum aus der letzten Nacht. Beschrieben den Versprecher detailgenau und fragte wiederum nach der vermeintlichen Intention dieses Traumes. Den Rat, den sie dann jeweils von ihren Freunden bekamen, war sinngemäß sehr ähnlich. Ihre Freunde wussten nämlich um die jeweilige Situation in der sich die beiden gerade befanden.

Sie sah sich zur Zeit mit vielen Veränderungen und potentiellen Neuerungen konfrontiert. Sollte sie den alten Job hinwerfen und sich was Neues suchen? Sollte sie sich endlich von ihrem, sie nicht wirklich beachtenden Typen trennen? Und demnach auch umziehen müssen? Sollte sie einen komplett neuen Weg einschlagen? Der alte schien schon lange nicht mehr der richtige zu sein. Sie war allerdings etwas im Zweifel, ob diese Welt die geplanten Veränderungen hergeben würde. Der Versprecher hatte funktioniert.

Er war derjenige, der immer aufrichtig mit Anderen umging. Ein höchst sensibler Mensch, der ein Leben lang mit Unaufrichtigkeit, Vertrauensbrüchen und emotionaler Abhängigkeit konfrontiert war. Er befand sich gerade auf dem Weg in eine neue Geschichte. Bisher war es nur oberflächlicher Sex, aber es bahnte sich wohl etwas an. Wie solle er dies nun äußern? Genau so, wie immer? Aufrichtig und ehrlich, auf die Gefahr hin, damit alles kaputt zu machen? Oder solle er so tun als würde es ihm dieses Mal genügen, wie es wäre, und einfach mal unaufrichtig sein? Er war sich nicht sicher. Der Versprecher hatte funktioniert.

Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. So will es das Wort, wenn es gesprochen wird. Ein mündlicher Vertrag auf Vertrauensbasis. Ein Versprechen, dass zu halten ist, wenn man es äußert. War der Versprecher nun dieser Jenige, dem man aufs Wort glauben konnte, oder war die Mehrdeutigkeit seines Namens der springende Punkt bei der ganzen Angelegenheit?

Er sagte zu ihr: "Glaube mir, egal, wie du dich entscheiden wirst in den nächsten Tagen, ich gebe Dir mein Wort, dass egal, was passiert, immer jemand hinter dir stehen wird, dich auffängt und im Notfall auch den Spaten bereit hält. Derjenige werde Ich sein, das weißt Du ja! Und, wenn das mit dem Begraben von deinem baldigen Ex nicht klappt, dann mache ich dir auch einen Braten, keine Frage!" Sie lächelte, nickte und dankte ihm, dass er da war.

Sie sagte zu ihm: "Weißt du, du bist einer der feinfühligsten Menschen, die ich bisher kennen lernen durfte und ich sage dir, sei weiter genau so wie du bist! Bleibe aufrichtig und echt. Derjenige, der deine Aufrichtigkeit nicht anerkennt, hat dich auch nicht verdient. Dann geht es eben weiter. Ich gebe Dir mein Wort, dass ich stets aufrichtig mit dir umgehen werde. Auch wenn das manchmal heißt, dir Dinge zu verbildlichen, die du vielleicht anders gewollt hast." Er lächelte, nickte und dankte ihr, dass sie da war.

Dienstag, 31. Juli 2018

Robin Lennon und das Fairbrechen-Fairsprechen

Nicht Viele würden über sich selber sagen, sie seien ein Fairbrecher. Wahrscheinlich täte dies niemand. Niemand, außer Robin Lennon. Sie sagte dies und stellte sich somit einer Herausforderung, die die Jahrtausende überdauern würde. Der Anspruch bei diesem Vorhaben war von höchstem Edelmut und die ehrgeizigen Ambitionen würden ihres Gleichen suchen und tun dies immer noch.

Robin Lennon, Königin der Hippies und Diebin von Herzen. Ein Fairbrechen am Tag ist nicht genug, war ihre Devise. Es sollten immer wenigstens zwei sein, schwor sich Robin Lennon bei dem romantischen Plan, die Herzen derer zu nehmen, die sie eh nicht benötigten, um sie dann denen zugeben, die sie mehr als nötig oder außerordentlich verdient hatten.

Es gab immer wieder Menschen, die ohne die Fähigkeit lebten, von alleine ein Herz zu entwickeln und es gab die, deren Herzen im Laufe der Zeit durch externe, unverschuldete Umstände zerbarsten. Für diese Herzplätze engagierte sich Frau Lennon primär. Jeder, der es zu benutzen wusste, sollte ein Anrecht auf ein funktionierendes Herz haben, so fand sie. Die Tatsache, dass es immer Menschen gab, die Herzen hatten, diese sogar einzusetzen wussten, sie diese aber gar nicht benötigten, weil sie stumpf, kalt und profitgeil geworden waren, gab Robin die Möglichkeit ihrem Ruf gerecht zu werden.

So stahl sie – höchst kriminell versteht sich – die Herzen von den Menschen, die sorglos, unbedacht oder gänzlich ignorant mit ihrem physischen Eigentum umgingen. Bei diesen Leuten war das "Nah genug herankommen, um den Zugriff auf das Herz zu erlangen" meistens schwieriger (man benötigte lediglich etwas mehr Geduld), als der Diebstahl an sich. Viele dieser Marionetten merkten es nicht einmal, dass ihnen ein essentieller Bestandteil genommen wurde. Einige zuckten nur kurz mit den Schultern und Robin Lennon hatte, was sie wollte. Andere schauten nach dem Verlust einfach wie üblich in ihre kristallenen Whisky-Gläser und ließen nachschenken, als sie feststellten, dass das Glas wieder leer geworden war.

Und solange es Geld und Streben nach Profit und Macht geben würde, würde es auch das Potential auf diese freien Herzen geben. Robin Lennon startete eine – wie gesagt – die Jahrtausende überdauernde Herausforderung. Und sie ist immernoch damit beschäftigt. Die Diebin von Herzen wird immer weitermachen, denen zu nehmen, was sie nicht brauchen und es denen zu schenken, die es wirklich verdienen. Sie sorgt somit für eine neue und engagierte Fairteilung auf dem Markt der Herzen und leeren Heartports.

So erntete Robin im Laufe der Zeit für ihre Taten einiges an positivem Zuspruch und Bestätigung. Ab und zu gab es ein paar Lorbeeren, das ein oder andere Opferlamm, hier und da etwas Schmuck und Bling Bling, aber eher selten. Was hingegen immer kam, war die Fanpost. Säckeweise Zuschriften. Ach...was sage ich...LKW-Ladungen voll mit Briefen, Emails und Sprachnachrichten. Viele schrieben und sprachen, um sich bei ihr zu bedanken, dass sie den Mut aufbrachte, durch das System nach dem zu greifen, was offensichtlich da war. Sie bedankten sich für die neuen Leben und die neue Liebe, die sie erhielten.

Sie schrieben ihr eigene Musik, Opern, ganze Theaterstücke. Sie malten Bilder von ihr und fertigten Götzen und Statuen an. Frau Lennon war natürlich in höchstem Maße verzückt und freute sich enorm darüber, erneut die Initiatorin einer wiederkehrenden Bewegung zu sein. Das Fairbrechen nahm in der Zeit der digitalen Medien zu dem noch einen ganz anderen Status an und wurde zum virtuellen Renner. Hashtags, Crowdfunding-Kampagnen, eigene Fanclubs, ein viraler Hit. Die Fans waren da und Robin Lennon machte unaufhörlich weiter. Der Bedarf an Herzen war immernoch gegeben (wenn nicht sogar noch größer geworden), genauso wie das Potential für ihre lukrativen Fairbrechen...

...und so waren es die Menschen, die alles hatten und anderen alles nehmen konnten, die dafür sorgten, dass der Bedarf an Herzen immer gegeben sein würde. Die Raffgier und der Egoismus würden immer die "kleineren" Herzen zerstören...ohne Rücksicht auf Verluste, versteht sich.
Und so nahm sich Robin Lennon ein weiteres Mal der Fairantwortung an und tat das, was sie am besten tat: Sie stahl die Herzen derer, die sie nicht brauchten und schenkte sie denen, die das Leben und die Liebe verdienten.

..."Aber eine Sache musst Du mir fairsprechen!", flüsterte Robin ihrem eigenen Herzen zu, "Höre niemals auf zu schlagen! Man wird uns hier immer brauchen, fairstehst Du?!" Ihr Herz hüpfte zweimal und pochte zur Bestätigung einen illustren Rhythmus. Es verschnaufte kurz, dann krempelten sie sich die Ärmel hoch, nickten einander zu und liefen Hand in Hand den alten Aufgaben entgegen.