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Montag, 6. Juli 2020

Russell, die Assel.





(Lesezeit: ca. 4 Minuten)

Es war einmal...

Russell, eine Assel. In der Tat keine gemeine Assel, wie man sie als Erstes erdenkt. Eher ein artiger Verwandter dieser kellerigen Kleinkrabbler. Ziemlich deutlich mit acht Beinen und zwei Scheren ist recht klar, Russel war ein Skorpion. Und zudem ein selten-besonderer Vetreter seiner asseligen Verwandten-Welt. Aber ja...er war. Denn Russel geriet regelmäßig in ordentlichen Schlamassel und das nicht zu selten. Denn asselig, wie er war, nahm er die Dinge im Konfliktkern wahr und stachelte nur zu gerne die Emotionen und Gemüter seiner Kontrahenten an. Das führte zwar nicht direkt zu seinem Ableben, aber erklärte warum er so ein besonderer Asseliger war.

Bei genauerer Ansicht fiel nämlich schnell auf, Russell fehlte der Stachel! Und da fragte man sich, wie der Russel trotzdem immer noch so herumasselte. Stachelloses Stacheln...naja...er dachte eben, er stachelte immer weiter, immer noch...aber statt dieser Tätigkeit, stupste er nur noch mit dem Ende, an dem einst der Stachel prangte. Ob das nun asselig genug war, damit Russell irgendwas anstacheln konnte, blieb seit dem - im Folgenden geschilderten - Stachel-Fauxpas stark zweifelhaft.

Bei einer der letzteren Sticheligkeiten, nämlich, nahm die aufgeheizte Stimmung, die die Assel selber anstachelte, eine Überzahl zu Ungunsten von Russell an. Ihm blieb in dieser Situation nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen. Einer erregten Meute wahnwitziger Erdmännchen war Russell natürlich nicht gewachsen. (Aber wer war das schon?!) Erschwerend kam hinzu, dass er auch nie aus solchen extrem asselige Momenten lernte. Russell vergaß zu schnell, zu oft, dass er einfach manchmal zu asselig war und seine Chancen, den Schlamassel unbeschadet zu überstehen, waren oft ein schmaler Grat.

Die Assel nahm bei der Flucht vor der Meute sehr hurtig die acht Beine in die nicht vorhandenen Hände und achtete leider dieses eine Mal zu wenig darauf, wie ihr Fluchtweg aussah. In einer hastigen Bewegung, mit der Russell emsig eine steile Kurve in ein wurzel-verwachsenes Erdloch nahm, passierte es dann: Er blieb mit dem Stachel zwischen zwei knochigen Hölzern hängen und riss sich seine stärkste Waffe im Zeichen der Asseligkeit einfach ab. Knack.

Russell schien es nicht zu bemerken und rannte einfach weiter, tiefer in den schmalen Höhlengang, der immer mehr unter die Erde führte. Es war ein langer Gang. Die acht Beine gaben Alles, was sie im Stande waren, zu geben und beförderten die Assel ein weiteres Mal in die dunkle Sicherheit. Als Russell dann weit genug in den unterirdischen Gängen verschwunden war, macht er halt und rastete. Er schlief dann irgendwie ziemlich schnell und ziemlich tief ein und erholte sich volle zwei Tage und die dazugehörigen Nächte. Als die Assel dann erwachte, fühlte sie sich direkt wieder asselig aber bemerkte überhaupt nicht, dass der nun fehlende Stachel sie deutlich weniger asselig machte. Vielleicht hatte Russel einfach zu schnell und zu lange geschlafen, um zu realisieren, was passiert war. Das Adrenalin, welches durch die vielen Glieder schoss, als er vor der wilden Meute floh, hatte ihn den Schmerz beim Abriss nicht spüren lassen und jetzt...nunja..., er hatte diesen Schlamassel mit dem ab-pen Stachel einfach verschlafen und vergessen... und so asselte Russell alsbald ohne seinen Stachel durch diese durchaus raue Welt.
Ein paar wenige, weitere Mal versuchte es Russell dann auch wieder und stachelte seine Umwelt an...zumindest wollte er dies...er war bemüht...aber statt der gewünschte Erbostheit, lachte man nur und fragte sich, was er denn da tun würde? Eine giftlose Assel...wer fühlte sich dabei schon angestachelt? Russell stubste nun, statt zu stechen und bald, gar nicht lange nach dem Verlust der Asseligkeit, erklärte sich auch die Vergangenheitsform seines Seins:
Tragischer Weise passierte dies bei einem Versuch, Beute zu machen. Er wollte eigentlich nur mal wieder etwas im Magen haben...aber diese Unternehmung musste leider ebenfalls ohne Stachel passieren. Russell hatte natürlich schon längst vergessen, dass ihm der Stachel fehlte und traf sein Opfer dieses Mal nur mit dem Stumpf, als Es mit einem Stich ins Jenseits zu befördern. Das war fatal, denn statt irgendwas zu bewirken, wurde die Beute, ein ziemlich fetter Maulwurf-Artiger, auf Russells Position aufmerksam und rannte auf die erstaunte Assel zu.
Und was tat Russell?! Er spreizte die Scheren hob den stachellosen Hinterleib - vermeintlich - drohend empor und wartete darauf, dass das nicht injezierte Gift zu wirken anfing. Aber der Schlamassel hatte schon seinen finalen Verlauf genommen und Russell asselte hier ein letztes Mal. Leider blieb ihm dieses, letzte, Mahl nun auf ewig verwehrt.

Der Maulwurf-Artige preschte währenddessen unbeirrt auf Russell zu und wittertete seinerseits einen schmackhaften Happen, der bedrohlicher wirkte, als er es war. Er beschleunigte noch einmal mehr, machte dann einen, recht beachtlichen und zudem geradlinigen Satz, flog ein Stück durch die Luft, um mit geöffneten Kiefern genau auf Russel zuzusteuern. Es würde eine punktgenaue, sehr akkurate Landung mit einem sehr effizienten, abschließenden, über alle Maßen vernichtenden, Biss werden, der Russell endgültig aller potentiellen Schlamassel entbinden würde.
Geknackt, getan. Russell war einmal.

...und die Moral von der Geschicht': nur herumzuasseln bringt es nicht!

Montag, 27. April 2020

Ein Wind, ein Sturm, ein Massenpanikum

Ein Wind, ein Sturm, ein Massenpanikum

Ein Sturm zieht auf und er ist so schwer wie der bittere Geschmack von Blei im Mund. So tief wie die Wolken nun hängen, müssten sie längst die Oberfläche der Welt berühren. Und ja, das tun sie. Die wabernden, dichten Schwaden küssen die dunklen Hügel und Straßen. Bahnen sich ihren Weg das Tal hinab. Unaufhaltsam, stetig. Über ihnen und ringsherim wütet der Sturm, der sie immer mehr vorantreibt und dabei anpeitscht. Wie ein Gladiatior thront der Sturm auf den Wolken, wie auf einem alten Streitwagen...befeuert das kolossale Gespann, welches die Erde unter seinen Hufen zum Erbeben bringen lässt.

Alles, was sich dieser großen dunklen Wand in den Weg stellte oder gar schon immer an diesem Platze war - somit sich gar nicht in den Weg stellen konnte - wurde einfach überrollt. Verschluckt. In sich aufgenommen. Wenn man versuchte an dem Sturm und seinen Wolken vorbei zu sehen, musste man entsetzt feststellen, dass es dort kein Ende gab, welches man hätte sehen können. Somit wurden Felder, Häuser, Zäune und Straßen einfach in die Dunkelheit versetzt. Die tiefliegenden, sich unaufhörbar nach vorne schiebenden Wolken glitten über die Ebenen hinweg, wie das sprichwörtliche Messer durch die Butter und nahmen alles in sich auf, was vor ihnen lag. Leider gab es keine Berichte, wie es in der Dunkelheit des Sturmes ausgesehen haben mag. Niemand hatte eine solche Lawine aus Getöse und Blitzen, Donner und Dunkelheit jemals zuvor gesehen. Erschwert wurde dies zusätzlich durch die Tatsache, dass das Ende des Sturmes eh nicht zu sehen war.

Gut fünfundzwanzig Kilometer weiter weg, auf einem von Wind und Wetter geformten großen Felsen, mitten auf einem Hügel, der mitten auf einem Acker zugegen war, stand Xxx und sah aus sicherer Entfernung, wie ein ganzes Dorf, inklusive der Vorortschaften, einfach verschwand. Aus dieser Entfernung, mit diesem Abstand zu diesem Monster von Wetter, konnte Xxx auch das Ende des Sturmes sehen...und ja...es war enorm weit weg. Extrem. Eigentlich nicht zu glauben...wenn man es nicht selbst gesehen hatte. Kilometer über Kilometer zog sich der dicht-diesige Dunst auseinander. Im Ganzen betrachtet, sah es ein bisschen so aus wie ein enorm großer, schwarzer Stein einer dänischen Kunststoffklötzchenfabrik. Ziemlich rechteckig, dachte sich Xxx. Zudem war es das Verstörendste und zugleich Beeindruckendste, was er je gesehen hatte.
Passender Weise lief gerade Tribute von Tenacious D in seiner Playlist, was die Stimmung in diesem Moment noch sehr viel surrealer machte.

Xxx blickte sich um und sah sorgenvoll sein Heimatdorf in einem (noch) sicheren Abstand in etwas über fünfundzwanzig Kilometern Entfernung und fragte sich, was passieren würde. Xxx sprach sich selbst zwar des Öfteren sehr gute Augen zu, aber in Wirklichkeit war das Land um ihn herum einfach nur unglaublich flach und eben. Der Felsen, auf dem Hügel, auf der Ebene, auf dem er stand, war im Radius von ungefähr fünundzwanzig Kilometern die höchste Erhebung weit und breit. Man hatte also sehr leicht einen sehr guten Überblick und eine Aussicht...ein Träumchen...nur Holland war schöner.

Er nahm wieder dieses Ungetüm von Wolkenwand und Windespracht ins Auge und sah, scheinbar Unglaubliches. Kaum hatte der Sturm Das Dorf bis zu dessen Grenzen eingenommen und in sich begraben - Man stelle sich eine Kuppel aus tiefschwarzen Wolken vor, die nun förmlich auf dem gesamten Dorfgebiet zum Stillstand kam. Aus der langgezogenen Schar des Sturmes wurd eine Kuppel, bestehend aus Wetter (sehr schlechtem Wetter), die das komplette Dorf einmal überstülpte, um dann, Augenblicke später, zuerst mit einem ohrenbetäubend lauten Surren, das immer hochfrequenter und schneller wurde und dann mit einem Zischen, welches seines Gleichen suchte, in einer Art schwarzem Loch zu verschwinden.

Der Sturm war weg. Das Dorf leider auch. Wohl gemerkt...es blieben schon noch so ein paar Ruinen und Trümmer übrig, aber die waren kaum der Rede wert. Der Himmel zeigte sich auch wieder in einem neutralen, farblosen Blau und eigentlich war alles wie immer...nur deutlich leerer. Und sehr viel leiser, mutmaßte Xxx, der mit weitaugerissenen Augen dastand und nicht wirklich wusste, wie er das Passierte einzuordnen hatte.

"Ob diese Welt hier nun zu Ende geht..." murmelte Xxx vor sich hin, als er sich dann rasch umdrehte, den Felsen in zwei gekonnten Sätzen hinter sich ließ, um dann geschmeidig den Hügel hinunter zu sliden. Unten angekommen ging er unmittelbar - wie aus einem Guss - weiter. Die Hände in den Taschen des staubigen Mantels vergraben, den Kragen hoch aufgestellt, den Kopf gesenkt. Er hielt kurz inne und schaute sich noch einmal blinzelnd um, bevor er zu seinem Strand-Buggy ging, einstieg und erstmal tief durchatmete.

Was war jetzt der Plan? Xxx war noch nicht lange für das Wetter verantwortlich und so Etwas - beim besten Willen - hatte eh noch nie jemand vorher gesehen oder?! Was sollte man da machen?
Blitze, Donner, Gewitter im Allgemeinen, Hagel, Sturm und Regen...alles gut, das kannte man, da wusste man, was passiert. Aber ein kaum zu überblickender, offenbar sehr zielgerichteter Monster-Sturm, der zudem sein Form ändern konnte und - was wirklich erstaunlich war, für ein Wetter solcher Größe - einfach im Nichts verschwand...da sollte erstmal einer eine plausible Erklärung für haben. Fragen über Fragen ploppten, wie säurehaltige Blasen vor seinem inneren Auge auf und verpufften mit einem leisen Zischen, sobald die nächste Frage sich in seinem Kopf bereit machte.

Wo kommt es her? Was will es? Ist es überhaupt ein Es? Warum das Nachbardorf? Würde das Wetter auch bei Ihnen zu Hause wütend werden? Wenn ja, was konnte er tun? Xxx viel spontan nichts ein, was die Fragen auch nur ansatzweise beantwortet hätte.

Er beließ es erst einmal bei dem Chaos im Kopf, startete den Motor und mit rock you like a hurricane auf den Ohren machte er sich bleißüßig auf den Weg nach Hause. Im Rückspiegel war immer noch deutlich die Schneise der Verwüstung zu sehen, die der Monster-Sturm nach seinem verschlingenden Wüten zurückgelassen hatte. Ein Dorf...zack...einfach weg. Und er war dabei gewesen. Zu schade, dass das alles vor der Erfindung der allseits bereiten Handykamera passierte, dachte sich Xxx...aber nun gut...es hat sich eh in sein Hirn eingebrannt, wie heiße Eisen in Holz. Die Bilder wurde er so schnell nicht mehr los. Ackerboden wirbelte herum, als Xxx den Buggy trat und über die Ebenen heizte...

Ein Wind, ein Sturm, Ein Massenpanikum. Was wäre, wenn jemand diesen Sturm bewusst eingesetzt hatte? War dieses Monstrum eventuell ein Instrument? Ein reines Werkzeug des Chaos und der Verwüstung? Oder war es einfach eine noch nie dagewesene Abnormalität der Natur? War es die Essenz dieser Welt, die sich dazu entschied, aufzubegehren und sich das zurückzuholen, was ihr einst genommen?

Die Menschen nannten es Chaos, Verwüstung und Ungerechtigkeit. Alles, was sie sich so lange aufgebaut und erwirtschaftet hatten, wurde mit einem Mal zerstört und zu Nichte gemacht. Sähe die Natur es genau so? Oder wäre es die ausgleichende Gerechtigkeit, die mit der Zeit kommt? Die natürliche Selektion des Lebens? Der Ausgleich eines Universums? Gab es vielleicht nur indirekt etwas, dass dieses Massenpanikum begründete oder erklären konnte?

Xxx war sich sicher, dass dies nicht der einzige Sturm seiner Art gewesen sein sollte. Irgendetwas in seiner Magengegend klopfte vehement an seinen Geist und bescherte ihm das ungute Gefühl, dass es bald noch viel mehr solcher Erscheinungen geben würde. Die Frage, warum dieses Spektakel passierte war mittlerweile zu Nebensache geworden. Xxx machte sich nun mehr Gedanken und Sorgen darüber, wie er seinen Mitmenschen in seinem Heimatdorf erklären sollte, dass sie höchstwahrscheinlich bald nichts mehr von ihrem Dorf haben würden. Er legte sich die Worte immer wieder zu Recht, die er an die Dorfgemeinschaft wenden wollte. Und er hoffte inständig, dass sie ihm glauben würden. Ihn beschlich aber zeitgleich auch das Gefühl, dass er wieder mal als Spinner und Fantast bezeichnet werden würde. Wie solle es auch einen Sturm geben, ein Monster, etwas Nie-Dagewesenes, was im Stande wäre ein Dorf zu verschlucken? Wohlmöglich sagte die Menschen über das zerstörte Nachbardorf: "Die haben doch bestimmt wieder mit Feuer gespielt und haben ihr eigenen Dorf versehentlich in Brand gesteckt.", oder "Ach, Die schon wieder, hinterwäldlerische Bauern." Selbst wenn sie die Verwüstung mit eigenen Augen sehen würde, so war sich Xxx sicher, würden immer noch Einige sagen, dass die Anderen es selbst waren oder selber, aus irgendeinem fadenscheinigen Grund, dafür verwantwortlich waren.

Xxx fühlte sich in seiner Position oft machtlos und ungeschätzt. Lag es daran, dass er ein ganz anderes Verständnis für die Dinge hatte? Lag es daran, dass er nicht in einer konservativ-zusammengeschweißten Denkweise verharrte, wie der Großteil der Gemeinschaft?! Tief im Inneren wusste er schon lange, dass er anders war. Und ganz offensichtlich entgegnete ihm die Gesellschaft, in der er sich aufhielt, genauso. Er war ein Einzelgänger. Er hatte die Position seines Vaters ohne Frage und Zweifel einfach übernommen, als dieser starb. Seine Mutter war schon längst von dieser Erde gegangen und seine Schwester...naja...sie war so etwas wie das Fähnchen im Wind. Sie schlug sich schon früh auf die einfache Seite des Systemes. Sie wusste dabei ganz genau, wie sie die Mechanismen und Modelle, die in dieser Gesellschaft vorgegeben wurde, zu ihren Gunsten nutzen konnte und tat dies! Hätten sie in einer Monarchie gelebt, wäre sie wohl die unangefochtene Königin gewesen. Eine Königin, die voller Egoismus, Verschwendung und Eitelkeit war. Was genau bei Ihr in die andere Richtung lief, war für Xxx zwar erklärbar, aber nicht nachvollziehbar. Wie konnten die gleichen Gene so sehr in verschiedene Richtungen ausufern? Der Tod ihrer Eltern, besonders der ihrer Mutter, war daran maßgeblich beteiligt.


So stand Xxx nun vor dem geparkten Buggy, den er neben seiner Hütte abgestellt hatte, blickte erneut zurück über die Ebenen und wusste immer noch nicht so richtig, was seine Bemühungen und die Berichterstattung auslösen würde. Er ging hinüber zu der kleinen Veranda, seines nicht weniger kleinen Domizils, trat sich die staubigen Stiefel an der Stufe ab, setze sich auf die einfache Holzbank, vergrub sein Gesicht in seinen Händen und atmete erstmal kräftig durch.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Der ewige getretene Hund

Fiktive Dialoge aus dem Leben (FDADL): 


Er: "Yo, Bro! Was geht ab?!"

Ich: "Yo. Alles, was nicht fest ist?!"

Er: "Yo. Sehr lustig."

Ich: "Ja, so bin ich. Kennst' mich doch!
Was läuft bei dir? Wieder die zweite Pulle Bier am Start?"

Er: "Klar. Standard. Was soll ich machen. Feierabend...da häng' ich halt so mit meinem Kumpel Flasche rum. Läuft.
Harharhar.
Oh...bald brauch ich wieder nen neuen Kumpel. Kommste gleich mit, einen Neuen holen."

Ich: "Jo, klar, machen wir gleich, trink du mal erst zu Ende.
Aber ja, das sehe ich...Kumpel. Wie gehts dir sonst so? Was machen die Frauen?"

Er: "Ach, die können mich alle mal ficken...ach nee...die sollten mich mal alle ficken. Und wat is? Wieder nur Blabla, du bist da nicht der Typ für, F-, Friendzoneboy, blabla...drecks Fotzen...alle...!"

Ich so: "Okay!?"

Er so: "Huh?"

Ich: "Ja, dein Kumpel scheint Dich ja schon richtig in Stimmung gebracht zu haben!
Fahr' mal runter, die Leute gucken schon!!!"

Er schaut sich um: "Ach, alles blöde Fo..."

Ich so spontan: "Alter, es ist fast noch mitten am Tag, haste mal auf den Tacho geguckt?!
Aber yo, komm', wir gehen dir noch n Bier holen, ich trinke auch eins mit, denke ich."

17:13 Uhr. Draußen. In der Stadt. Öffentlicher Platz.
Wir eilten also flott zum nächsten Kiosk, um noch zwei Pilsetten zu erwerben. Gesagt, getan, zschhuuut, plöp. Prost. Wieder am Platz, an dem man Bier trank, angekommen, setzten wir uns erneut auf die Stufen und blickten in den Himmel, an dem die Sonne zunehmend unterging. Ein leichtes Orange berührte die Schleierwolken, die sich langsam aufzulösen schienen.

Ich: "Es ist mir übrigens schleierhaft, warum du die ganze Zeit nur am Jammern bist, dass alle, bevorzugt Frauen, so schlimm und doof sind. Was ist denn da los, sag mal!? Das war doch mal anders, du warst auch mal entspannter?! Wie alt warst du noch gleich?? Harharhar."

Er: "Wat? Alt genug auf jeden Fall. Wenn ICH die Fresse nicht aufmache, macht's doch eh keiner. Ich rege mich auf, so viel ich will. Und wenn die alle scheiße sind, da kann ich ja nichts für... "

Ich seufzte innerlich, nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und stellte fest, dass Seine schon wieder halb leer war. Es muss Magie sein, dachte ich mir. Wie kann man in so kurzer Zeit nur so schnell trinken?!

Er weiter: "...ich solle mich mal etwas ändern und an der eigenen Nase fassen, sagen die."

Ich so: "...an die eigene Nase..."

Er: "Was? Ach, halt die Fresse.
Warum soll ich mich ändern? Wenn die nicht auf mich und meine Personality klarkommen, ist das ja nicht meine Schuld, sollen die sich halt anpassen. Ich bin n geiler Typ. Das sagt mein Kumpel auch immer!"

Ich: "Dann scheint es aber so zu sein, dass du immer die datest, die die Falschen sind und ihre eigene "Personality" haben? Oder? Ich mein...du kannst ja nichts erzwingen. Meinst'e nicht, dass da was dran ist und du vielleicht etwas festgefahren bist, im Umgang mit Menschen und Mädels?!"

Er: "Ach, halt die Fresse. Sollen mich halt alle in Ruhe lassen. Bin eben Künstler. Ich hab mir mein Schicksal nicht ausgesucht...Ich kann gar nichts dafür, dass ich ein getretener Hund bin. Ich beiße halt, wenn man mir versucht auf den Sack zu gehen."

Hastig setzte er die Bierflasche an und saugte die letzten Reste des Gerstensaftes förmlich in sich hinein.

Er: "Ach, schon wieder leer. Guck, die Bitches machen mit mir, dass ich trinken muss."

Ich so: "Yo, das wird's sein...
Um nochmal kurz auf diese Wahrnehmung und die Wirkung auf Andere zurück zu kommen. Was erwartest du denn, wenn du dich scheinbar, wie ein unreflektiertes Arschloch, das völlig uneinsichtig ist, wenn es um Veränderung geht, verhälst?!"

Er: "Was soll ich schon erwarten? Enttäuschung wahrscheinlich..."

Ich: "Und warum?"

Er "Ja, weil die sich halt eh nicht anpassen und nicht auf mich klarkommen. Ach, alles scheiße. Ich geh gleich nach Hause und saufe da weiter, dann muss ich mich hier auch nicht vor dir beklagen und gehe niemandem auf den Sack.

Ich: "Du trinkst doch nie zu Hause? Wann hab ich dich mal zu Hause gesehen? Du schläfst da nur oder?"

Er schielte in die leere Flasche, wie man eben in eine leere Flasche hineinlinst, wenn man schon etwas mehr getrunken hatte, aber dennoch gerne nachsehen wollte, ob sich nicht vielleicht doch noch ein kleiner Rest irgendwo in dieser durchsichtigen Flasche versteckt hielt...und bekam meine Frage gar nicht mit, sonst hätte er bestimmt wieder damit gedoht, mir die Freundschaft zu kündigen.

Ich: "Da beschwer dich nicht und nimm es einfach hin, wie jeder andere auch. Du weißt doch, Mimimimi-Mittwoch ist nur Mittwochs!!!"

Er: "Aber was soll ich denn mit so Leuten?! Wenn doch alle scheiße sind..."

Ich: "Du hast eben was von einem getretenen Hund gesagt...meinste nicht, dass man immer das ist, was man ausstrahlt?!"

Er: "Ausstrahlung hab ich. Guck hier durch die leere Flasche in die Sonne. Strahlt mächtig grün. Politik ne...auch so ein Thema..."

Ich: "Ja...Politik ist mir ziemlich egal, da musste mir jetzt nicht mit anfangen! Wenn du nur halb so viel Jammern würdest, wie du trinkst, wäre das schon ein guter Anfang. Ich bin, um ehrlich zu dir zu sein, einfach genervt von deiner ständigen, negativen, "Die Welt ist so schlimm, ich bin ein Opfer"-Haltung. Und trink mal weniger. Niemand findet es geil, wenne zum Date schon mit so ner Fahne aufläufst..."

Er: "Eh..."

Ich: "Jetzt hälst du mal die Fresse. Wenn du weniger im Selbstmitleid baden würdest, würdest du auch andere Menschen anziehen, als die, die du bisher erreichst. Klar, du musst irgendwie ein Image aufrecht erhalten, der ewig getretene Hund. Irgendwie süß, räudig aber auch zu bemitleiden. Darüber hinaus, völlig traumatisiert und nicht fähig, einen normalen Umgang zu zulassen. Bediene dieses Bild ruhig weiter, aber bitte, hör auf, immer alle für deine Unzufriedenheit zu belangen. Ich reiche dir hiermit einen metaphorischen Spiegel."

Er: "Ich muss mich nicht im Spiegel ansehen, um zu wissen, dass ich geil bin. Den kannste behalten.
Ich hole mir jetzt noch ein Bier für den Heimweg in der Bahn und eines für danach und dann mach ich mich vom Acker, du Fucker."

Ich: "Yo. Mach das mal, Schneewittchen. Hau rein. Wir schreiben."

Er: "Jaa, jaa."

In der Ferne bellte leise ein Hund.





Montag, 7. Januar 2019

Operencia, Turul und der Wunderhirsch - Geschichten aus dem Feuerkorb

Eine Geschichte aus dem Feuerkorb. Heute mal nicht, wie sonst üblich, mit einer alt-griechischen Sage, sondern mit einer kleinen Zusammenfassung der ungarischen Sagen und Mythologie.

Operencia, Turul und der Wunderhirsch.

Es war einmal...

...ein gar nicht so weit entferntes Land: Operencia. Es war so umfangreich und ausgedehnt, dass es, je nach Überlieferung, an Indien, Italien, Frankreich oder gar an das Ende der Welt grenzte. Ein Land voller Überfluss und wundersamen und außerordentlichen Begebenheiten. Geschützt durch die hohen Gipfel der Zuckerhutberge.

Wollte ein Wandersmann oder des Abenteurers Ambition dies Land erkunden, so mussten man erst die Zuckerhutberge passieren oder umgehen. Der Weg um dies Gebirge herum brachte natürlich einen argen Zeitverlust mit sich, im Vergleich zur direkten Passage über die Gipfel. In jedem Falle lohnte es sich, das wundersame Land Operencia zu entdecken und zu erkunden.

Wer einmal die Berge hinter sich ließ, den erwarteten gar atemberaubende, märchenhafte Umstände. Äpfel, so groß wie Kindsköpfe, Pilze, so groß wie Bauernhüte. Ein Land in dem der sagenumwobene Turul seine Schwingen ausbreitete und die Ahnen der Hunnen und Magyaren ihren vermeintlichen Ursprung erlebten. Ein Ort an dem der Wind eine Personifizierung und den Namen Szélanya erhielt. Der Ort, an dem wohlmöglich ein Wunderhirsch dafür sorgte, dass die Prinzen Hunor und Magor dafür sorgen konnten eben benannte Hunnen und Magyaren ins Leben zu setzen.

Operencia war ein wertvolles und prächtiges Land. Ein Land, in dem Architektur mit Fantasie vermischt wurde und palastartige Gebäude in den Himmel reichten. Zudem war es nicht nur dem Adel vergönnt, in Palästen zu residieren. Jeder in Operencia, selbst der kleine Bauer, war im Stande den Reichtum und das Wohlhaben des Landes für sich zu beanspruchen und in opulenten und dekadenten Behausungen zu leben. In Operencia konnte man der Physik wohl auch einen Streich spielen. Denn die Architekten und Handwerker setzten waghalsige Bauwerke in die Tat um, die teilweise auf Stelzen oder Pfeilern aufgethront, über dem Boden schwebend, Richtung Sonne ausgerichtet waren und sich wie von Geisterhand, eigenständig, auf einer integrierten Achse, immer mit der Sonne bewegten.  Immer Sonnenseite, geiler Scheiß! (Operencia, ein gutes Land, wie ich finde. Von Milch und Honig ist zwar nicht die Rede gewesen, sofern ich das herauslesen konnte, aber dennoch bleibt mir eine gewisse Assoziation zum guten alten Schlaraffenland nicht verborgen.)

Wie oben erwähnt grenzte Operencia – je nach Überlieferung – ans das Ende der Welt. Auf dieser Grundlage ist es auch gut nachvollziehbar, dass die vermeintliche Hexe Szélanya am Rande der Welt, also auch am Rande von Operencia, in einer Höhle auf einem abgelegenen Berg darauf acht gab, dass der Wind, der in dieser Höhle hauste, nicht gestört wurde. Einige Sagen beschrieben den Wind und die Hexe aber auch als ein und dieselbe Person. Anderer Orts wurde aus der Hexe ein Geist gemacht. Der Windgeist. Die Bewohner von Operencia (ich mutmaße mal, sie hießen Operencianer oder so ähnlich) waren natürlich in höchstem Maße mit Ehrfurcht und Respekt gesegnet, wenn es um den Wind ging. Der Wind war wichtig. Der Wind musste da sein. Niemand zweifelte an der Existenz des Windes oder wagte es jemals, die Höhle, von der man in den Landen munkelte, aufzusuchen. Den Einwohnern wurde diesbezüglich auch sehr intensiv vermittelt, dass sie den Wind unter keinen Umständen beschimpfen oder beleidigen sollen. Hinzu kam ein weiterer wichtiger Hinweis: es war strengstens verboten, Äxte oder andere Gegenstände in Wirbelstürme zu werfen, da man dadurch den Windgeist Szélanya hätte verletzen und somit für ihren Unmut sorgen können. Niemand wollte, dass der Wind die Ernte vernichtete. Demzufolge unterließ man es in Operencia, Gegenstände in Wirbelstürme zu werfen. Gute Leute, da in Operencia!



Neben der Geschichte um den Wunderhirsch und die Entstehung von Völkern ist die Turulsaga, eine weitverbreitete und maßgebende Geschichte seiner Zeit.

Der Turul, ein Fabelwesen, das Ähnlichkeiten mit einem Adler und einem Falken hat soll für die Geburt des Großfürsten Álmos gesorgt haben. Wohl im Jahre 819 war es eine gewisse Emese, die im Traum von einem Turul aufgesucht wurde und dieser ihr prophezeite, dass aus ihrem Schoße ein Fürst der Fürsten und Herrscher vieler Völker entstehen würde. (
Zugegeben: wahrscheinlich war Emese zum Zeitpunkt der Vision schon schwanger gewesen und der Fakt, dass ein Fabelwesen für die Befruchtung gesorgt hatte, war wohl mehr Dramapresse als alles andere. Aber so sind Überlieferungen. Es ist immer ein bisschen "stille Post" dabei.)
Emese gebar auf jeden Fall den kleinen Bub und nannte ihn Álmos was wohl soviel heißt wie "Traum". Dieser Álmos war es dann, der später das Magyarenvolk vereinigte. Er sorgte dafür, dass sich sieben unterschiedliche Stämme zusammenschlossen und ihn als Großfürsten annahmen.
Dieser Pakt wird der ungarischen Mythologie als „der Blutpakt“ bezeichnet. Zudem sorgte ein Turul, dafür, dass die Ungarn nach Pannonien strebten. Er führte sie in neue Lande. Der Turul ist seit jeher Wappentier Ungarns.



Hunor, Magor und der Wunderhirsch (Zauberhirsch).

Auch wenn diese Sage erst gegen 1200-schlagmichtot das erste Mal niedergeschrieben wurde, ist sie zeitlich vor der Turulsaga angesiedelt, da sie den Ursprung ganzer Völker beschreibt. Hunor und Magor, die Söhne des ersten Königs und großen Jägers Nimrod, der als erster die Königswürde erlangte und den Grundstein für die Ungarn legte. Als diese Prinzen einst im schönen Operencia (ich flechte die Sage nun einfach in die andere Sage hinein) zur Jagd waren, erschien ihnen in einer sternenklaren Nacht ein prachtvoller Hirsch auf einer runden Lichtung. Hunor und Magor, hart angetan, das edle Tier zu jagen, taten dies und nahmen die Hatz auf. Urplötzlich, wie es sich für Fabelwesen gehört, verschwand der Prachthirsch wieder und ließ die beiden Jäger ratlos zurück. Sie waren ein gutes Stück in den Wald hinein, hinter dem Hirsch her gejagt. Und nun standen sie da, wie bestellt und nicht abgeholt.

Aber, wie das Märchen es in solchen Momente möchte, vernahmen sie aus nicht all zu weiter Ferne das Lachen und die Stimmen weiblicher Wesen, die sich irgendwo zu amüsieren schienen. Die Ohren gespitzt, der Nase nach, kamen die beiden Prinzen dann Bald zum Quell der illustren Töne. Ein See. Sternenklare Nacht. Nackte Frauen. Baden. Märchen. Ich liebe sie.
Hunor und Magor, ihres Zeichens Urkönigssöhne und wahrscheinlich gnadenlose Stecher, folgten ihren Trieben, trieben dabei aber die badenden Frau, aufgeschreckt und verängstigt, auseinander und aus dem Grüppchen badender Schönheiten, blieben nur zwei übrig.
Ob es nun an der imposanten Erscheinung der Urväter der Hunnen und Magyaren lag, daran, dass die Mädels irgendwas genommen hatten, oder einfach daran, dass es ne Sage war, Liebe war direkt in der Luft und das lustige Paaren konnte beginnen. Praktischerweise waren die Frauen ihrerseits Töchter des Alanen-Fürsten Dura gewesen. Adel verbindet sollte man meinen. Und so kam es dann, dass die Nachkommen Hunor, die Hunnen und die des Magor, die Magyaren ihren Ursprung erhielten. Der wunderbare Zauberhirsch zeigte den Prinzen dabei den Weg, den sie einschlagen sollten und gilt als Wegweise und Richtungsanzeiger für die Grundlage dieses Volkes.

Alles in Allem muss ich sagen: Operencia, ein schönes Land. Mir waren ungarische Sagen und die Mythologie bisher völlig fremd. Ich denke, das gibt es noch weitaus mehr, was die Kultur, die Geschichte und Mystik des Landes beschreiben kann. Meine Zusammenfassung ist natürlich nur ein Bruchteil der Geschichte. Wenn jemand mehr weiß, immer her damit!

Ich hoffe, es war dennoch ein wenig informativ und unterhaltend.

Auf bald!


(alle Infos und Quellen: Wikipedia)

Sonntag, 18. November 2018

Rückkehr und Schutz

Ich blickte tief in Ihre großen, dunklen Augen und vernahm das leichte Beben darin. Ein tanzender Kranz, pulsierende Pupillen. Eine einsetzende Verschwommenheit, ein unsicheres Flackern. Sie blickte sich hektisch um, während Nervosität über Ihre feinen Züge huschte. Ich sah die Zweifel, die Ihre Mundwinkel - kaum merkbar - zum Zucken brachten. Immer wenn sie grübelte oder besorgt war, zog sie eine Augenbraue nach oben und feine Falten erschlossen Ihre Stirn. Sie nestelte nervös am Saum der viel zu großen Sweatshirtjacke, blickte mich an und fragte:

"Warum ist das Leben so ungerecht? Nur Enttäuschungen und Betrug. Neid und Eifersucht. Meine Seele ist schon wieder ein bisschen mehr kaputt gegangen, denke ich...das ist doch scheiße!"

"Aber es sind die Menschen, die ungerecht sind, nicht das Leben.", sagte ich. "Du bist toll und wunderbar und voller Herz und Frohsinn. Lasse niemals zu, dass Dir die Menschen das wegnehmen. Nimm das Leben an, dein Leben und sei Du selbst. Dafür brauchst du doch niemand Anderen."

"Ich bin doch immer ich gewesen" resignierte Sie, "...was mache ich denn nur falsch? Alles, was ich will, ist doch nur ein bisschen Liebe, Zuneigung und Geborgenheit. Vertrauen und Leichtigkeit...ganz normale Dinge...aber..."

"...einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.", fiel mir dazu spontan ein, "Es ist ein Graus mit einem Großteil der Gesellschaft, das wissen wir beide. Und dennoch, gerade deswegen, bewundere ich Dich für deinen Optimismus. Du versuchst es wenigstens immer wieder...auch wenn es mir im Herzen schmerzt, Dich dann so sehen zu müssen. Besonders Du hast diese kalte, oberflächliche Ungerechtigkeit nicht verdient."

"Bin ich deshalb naiv, blöd oder gar bescheuert? Ich habe Zweifel und ich verliere die Kraft. Ich fühle mich gerade wieder so klein..." Sie senkte den Kopf und seufzte.

Ich trat einen Schritt auf sie zu, nahm Ihre, immer noch leicht zitternden Hände, lächelte und sagte: "Ganz im Gegenteil, Sweetheart. Du bist sensibel und denkst einfach viel nach. Blöd wäre es nur, wenn Dich das Alles runterzieht und Du dich ungewollt veränderst..."

"Aber..."

"Kein "Aber" und keine Widerrede...!"

Sie senkte ihren Kopf und ließ die Schultern noch ein wenig mehr sinken als zuvor.
 
"Hey, schau mich an."

Der Blick den sie mir dann entgegenbrachte, war wieder voller Angst und Zweifel. Tanzende Kreise. Unsicheres Flackern.

"Ändere Dich nicht, denn Du bist gut, wie du bist. Vergiss das bitte nicht. Jeder sollte sich eine Scheibe von Dir bzw. deinem Charakter und Wesen abschneiden. Wären mehr Menschen, wie du, wäre die Welt ein gutes Stück besser und definitiv ein besseres Stück guter!"

Sie musste schmunzeln. Dabei wackelte Ihre Nasenspitze für einen kleinen Augenblick. Das tat sie immer, wenn sie schmunzelte. Aber das wusste Sie natürlich.

"...siehst Du, da bist Du ja wieder.", freute ich mich. "Das Lächeln steht Dir eindeutig besser als der Zweifel und die ganzen Runzel auf deiner Stirn! Und Du weißt: wenn du Dich klein fühlst, hebe ich Dich hoch. Wenn Du Kraft brauchst, schenke ich Dir Energie. Wenn Du Schutz benötigst, empfange ich Dich mit offenen Armen und schließe Dich darin ein. Ich halte Dich fest, damit Du nicht verloren gehst."

Die Falten der Sorgen legten sich so langsam. Ein tiefes Durchatmen. Sie schloss die Augen für einen weiteren Moment, öffnete sie wieder, schaute mich an und eine spontane Rührung überkam sie. Eine Mischung aus Erkenntnis, Dankbarkeit und purer Emotion. Jetzt war Sie wieder so echt, wie sie nur sein konnte.

"Lass einfach los, hier bist Du in Sicherheit. Ich verstehe Dich. Ich bin da, wenn Du mich brauchst!"

Es war drei Uhr nachts, kalt und nass. Es war wieder Herbst.

Sie nickte nur kurz zur Bestätigung, schloss dann wieder ihre braunen Augen und umarmte mich. Sie hielt sich fest. Ich schloss meine Arme um Ihre Schultern und hielt sie ebenso fest.
Das leise "Danke", was sie mir entgegen flüsterte, erfüllte mich mit tiefer Emotion, Demut und ebenso Dankbarkeit.

So standen wir dort, umarmten uns und waren einfach für einander da. Auch um drei Uhr Nachts.


Donnerstag, 15. November 2018

Wolle, Garn und Webertum - eine Geschichte vom Bande (I-VI)

Kapitel I: Dem Ganzen zum Wohle

"Würden wir die Zukunft weiterhin erwägen, wenn wir vorher wüssten, was wird werden?"


Höchstwahrscheinlich würde Wolle mehr gewoben werden,
wenn wir ambitioniertere Woll-Weber wären.
Wer weiß das schon, reimte der Gedanke,
wäre Wissen wahlweise die weise Variante,
zum Einsatz hinweg des Wissens Schranke,
mit der Wolle garnend, webend. Danke:
an die Ambition der Tüchtigkeit
und lobend gar der Zielstrebigkeit,
auf dem richt'gen Weg zu Anstrebung.
Auf dass die Weber finden Anbindung.

So lasst uns weben, was die Spindel gibt.
Weise wählend, welch' Garn verwendet wird.
In Anbetracht der Weber Zahl,
wäre des Einz'lnen Bürde keine Qual.
Wir sollten uns verwinden, alle allein,
zum ganzen Wohl und uns darin finden,
uns einfach retten in gewob'ner Tradition,
ganz klassisch, so will es doch der Lohn.
So bindet sich das Garn als bald
und webt und tut und gibt Gestalt
der ganz natürlichen Wahrnehmung
in Verbindung mit der Annehmung
zum Wohle des wollenden Webers, einst,
Bande schaffend, Geist vereint.
Bahn um Bahn mit Garn umgarnen,
zu verbinden, dass wir einst mal einsam waren.

Wer webet auch die sture Wolle,
mit Ambition und Tatendrang,
der scheint ein ganz edler Geselle,
voll mit Hang zum Allumfang.
Nun hat der ed'le Weber nicht gewoben,
um einer feinen Dame Gunst erlang',
sondern webte gar fürs Volke droben,
voll Ambition und Tatendrang.
Dankend auch der sturen Wolle,
wählend aus dem Rest der Leere,
in Anbetracht der Verarbeitung,
war dies aber keine Einschränkung.
Ganz im Gegenteil: der Weber erlangte
mit dieser vermeintlichen Resteware
feinsten Edelmut und Dankbarkeit,
zum Dank des Webers Handarbeit.

Nun sitzt der ed'le Weber dort,
wie gebunden an diesen Ort,
an dem so viele Bande er schon knüpfte.
Ganz zum Wohl der Anderen, rümpfte
er die Nas', beugte sich seinem Willen,
ging in sich und fragte, arg im Stillen,
vergaß ich mich nun selbst? Oh, Weber,
was bindest du nun zum Garne? Lieber
gebunden an die Dankbarkeit, obgleich
die Bande kratzen können? Gedankenreich
hoffte er auf Verbundenheit. Nein, sicherlich
vergaß er seiner Selbst. Rein innerlich.
Da das letzte Garn schon lang verwoben war,
wusste der Weber nicht, was jetzt geschah.

Er hatte schon lang an diesem Ort verweilt,
schaffte, machte und arbeitete hart.
Er gab so Vieles auf und diente weit.
Nun waren alle fort und er weinte...zart.
Zweifel, Angst und Beklemmungen.
Dämonen stiegen auf, ohne Hemmungen.
Des Verstandes Zustand war nun ernst.
Der Weber taumelte, schlug um sich, wild,
fiel gen Erde, ein weiteres Mal, wie blind,
heulte, flehte und sann nach Sinn.
Des Spindels feine Spitze nahm er in Betracht,
als wär's das Größte, nun aufzuhören,
um gar niemanden mehr zu stören.
Er schloss die Augen und entglitt der Nacht...

...beinahe! Aber, Aber, Weber, gib doch Acht!
Des Spindels feine Spitze soll nicht sein, dein letzter Akt.
So vieles dir doch wurd' geschenkt und vermacht,
Habe Hoffnung, Glaube, Zuversicht und verliere nicht den Takt.
Leise grünte es in seinem Ohr, schwer begreiflich, von wo es kam.
Benommen vernahm er nicht die volle Rede, aber war
merkwürdig bereit, hinzuhören und anzunehmen, was geschah.
Der Weber schüttelte sich und schauderte,
stemmte sich empor und es dauerte,
ein Weilchen bis des Schleiers dunkler Dunst
wieder in den Tiefen der Tiefen des Bodens versunk.
Weber, oh Weber! rief es aus der Ferne,
hab Dank! Du wartest bestimmt eine ganze Weile?!
Ich habe ein Garn für Dich und ein Garn für mich.
Wie wäre es, wenn du sie webtest!?
Bande schaffend, Geist vereint.
Bahn um Bahn mit Garn umgarnen,
zu verbinden, dass wir einst mal einsam waren.



Kapitel II: Der Verdrießlichkeit zum Trotze

"Der eigenen Dankbarkeit begegnen, wie sie einst gegeben."


Verdrießlich, so waberte die Gefühlbarkeit,
hinüber zu einer zäh gefühlten Ewigkeit,
als des Webers letzter Wille, dann doch
fand in ihr die Stille. Weder Angst noch
Gram war nun vorhanden,
reiner Zwang war bald abhanden.
Denn sie führte herbei die Bande, die er einst webte.
Brachte hinzu ein Garn, welch' er einst fühlte
und entschleierte somit die Schleierrigkeit
des seinen, trüben Geistes und war bereit
gut Acht zu geben, dass Garne bald
gewoben würden, um zu erreichen,
was dem Weber schon damals half:
Verbundenheit, Vertrauen und der Gleichen.

Und so webte er sukzessive diese Garne,
teilte, gab, nahm, verweilte, mit dieser Dame.
War sie doch der Rettung Grund, so fand der Weber.
War sie noch der Rettung Grund?, fragte sich der Weber.
Denn Zeiten kamen, Stunden gingen,
Tage waren und Wochen schwinden.
Er prüfte immerzu die Haltbarkeit,
des Garnes stet'ger Zusammenhalt.
Ob es wohl reichen würde? Denn er fand,
das Band, das Garn, von ihrer Seite,
fing an sich auszudünnen und verschwand?
So sinnierte er ob der einst'gen Pleite.
Verdrießlicher wurde nun erneut der Apparat,
der damals so wunderbar besänftigt ward.

Was zu tun, war jetzt die Frage! Webers erste Gabe,
der Umgang mit solcher Lage, kam nur zu Tage,
sollte er den Sachbestand äußern, schreiben oder niederlegen.
Es ward wie einst zu Mal, zu Mal er war wie noch nie im Leben.


So fühlte es sich an, Garn um Garn um Garn um Garn.


Dennoch war es jetzt ruhig geworden.
Er hatte auch schon lang nichts mehr gewoben
und hielt fest an der Beständigkeit,
seiner eigentlichen eigenen Handarbeit.
Sollte es so sein, dass beide Seiten sind von Nöten,
so war er es, der nun litt, entglitt ihm doch die Muße.
Aus den Händen seines eig'nen Verstand's wühlten
nun die Fragen und Zweifel und rieten ihm zu Buße.

Sprich zu mir, oh des Garnes Dame, was ist nun mit dem feine Bande?
Ein Teil von ihm grämte sich,
ob der Unwissenheit...das am Rande.
War es aber eindringlich nötig, diese Frage,
die er schleppte, nun so lange,
die ihn packt und erdrückte,
nun zu äußern und er sagte:
Sprich zu mir, oh des Garnes Dame, was ist nun mit dem feine Bande?

Der Verdrießlichkeit zum Trotze fasste er den Mut.
Er beharrte auf Gemeinsamkeit und zog den inner'n Hut.
Sie war es doch gewesen, welcher er verdankte noch zu sein,
dennoch konnte er nicht sehen, was wirklich war gemein.
Er wand sich, rang nach Atem, zweifelte nun an, die Taten,
die Zeiten, die sie hatten, warum er's tat, konnte man nur raten.
Unzufriedenheit und Verdrießlichkeit keimten, meinte er
und warf ihrem Garne vor, sich aufzulösen, raunte er.
Wahrlich wahrnehmend war nicht der Situation entsprechend,
es nahm ihm jede Sicht fürs Ganze. Last erdrückend.
Des Webers Fähigkeiten reichten ihm wohl selbst nicht mehr,
so müsse er dem Werk entsprechen, aber das war schwer.
Nun zu differenzieren, war geboten
denn alles, was blieb, war ein großer, wirrer Knoten.

Nun sieh' doch mal genauer hin, oh Weber, siehst du nicht den Sinn?
Des Garnes Dame sprach und deutete auf die Bande.
Sieh, was dort verschwimmt, welche Garne dort verglimm'.
Es ist nicht das Meine, wie käme ich denn dazu, ich wäre nie im Stande
deiner Verbundenheit Zweifel zu beteuern!
Du bist es selbst. Ihr lasst Euch steuern!
Zweifel sind nicht nötig. Tragt sie nicht all zu lang'.
Wenn doch, werden sie gewichtig werden 
und Sicht und Dankbarkeit vernebeln.
Verblassend verschwimmt die Bande dann.
Nun sieh' doch mal genauer hin, oh Weber, siehst du nicht den Sinn?!


Kapitel III: Ein Kokon aus Erinnerung

"Ein Kokon aus Erinnerung. Eingepackt und undurchblicklich scheint die Wahrnehmung."

Wessen Wesen war der Weber einst gewesen?
Er fragte sich oft, woher er kam,
nahm nicht wirklich wahr, wusste nicht,
woher er stammte. War zu klein,
als dass ihm blühte, seine Herkunft oder Erinnerung
an die Tage seiner Entwachsung aus den Kinderschuh'n.
Ganz weit weg, unendlich vage,
verblasste die Silhuette seiner Lage.

Unbestimmt, nicht gewollt oder verwandt,
so fühlte sich der kleine Bub dann irgendwann.
Am Rande seines Daseins schwoll
flüchtig eine Erinnerung: Blass, fad
und ohne Kümmerung gar nich toll,
war sein junges Leben unnütz bald.
Ohne Bestimmungen, jetzt schon schwerlich,
ob der Wirrungen, war er doch so entbehrlich.

Er war dann weggelaufen und nahm reiß aus,
floh die Pfade lang und verlies sein Elternhaus.
Suchte Speis und Trank bei ander'n Leuten,
als bei denen, die ihn nicht wollten.
Er wusste nicht einmal, wie alt er war,
taugte zu fast nichts, außer, als er sah,
wie ein Weber, der einst im Stalle saß,
webte, was die Wolle gab.

Von dort an war der Kokon aufgerissen,
gebrochen und nicht mehr erforderlich.
Was er vernahm, war mehr als Wissen.
Die Erinnerung nun webte sich,
leicht und vorzüglich, ein ganz neues Kleid.
Fein bestickt und ohne Leid,
so fühlte er seine Gedanken nun,
Webertum, oh Webertum.

Ein neuer Weber ward geboren,
geschaffen aus einer spontanen Situation.
Obgleich seiner blassen Erinnerung,
war nun doch etwas aus ihm geworden.
Fleiß und Eifer seiner Tugend,
halfen ihm nun, zu erproben,
was nie da war, in der Jugend.
Nun dankte er dem Weber - lobend!

Endlich war er jemand und spürte Linderung
seiner Selbst und des Wesens,
welches der Weber nie zuvor gewesen.
Jetzt war er doch voll Tatendrang, mit Hang
zum Garn, die Wolle zu verweben,
auf dass sie hülfe, ihm zu leben.
Webertum, oh Webertum, so hilf mir
und zeige mir die Wege,
die zu gehen ich vermöge.

Ein Kokon aus Erinnerung.
Eingepackt und undurchblicklich scheint die Wahrnehmung.
Brich heraus und sieh die Welt mit ander'n Augen,
als mit denen, die nur nach hinten schauen.
Webe Dir dein eign'es Band,
lasse den Kokon hinter Dir.
Nimm das Handwerk in die Hand,
denn das wünsch' ich mir.



Kapitel IV: Dunkler die Wolken kaum werden


"Ein erster Streich ist niemals leicht. Besonders nicht, wenn der Faden einfach reißt."


Mit den neuen Fähigkeiten in den Fingern
ging der Weber dann zum Spinnen,
wollte seine Ware unters Volke bringen,
ohne dabei auch nur entfernt zu entsinnen,
welch fortunistische Begegnung dort,
ihn sollte holen an einen düster-dunklen Ort.
Erstmals aber frohen Mutes, webte er
und empfand was Gutes...so fühlte er.

Jung, Naiv und unerfahren.
Dennoch frei von Qualen,
ging er auf den Markte zu,
feilschte, webte und sah zu,
wie sich seiner Blick nah,
eine Maid befand und war
augenblicklich angetan, gar
euphorisiert, bekannt mit ihr zu werden,
mit diesem himmlisch' Geschöpf auf Erden.

Wurd sein Schicksals Weg nun doch perfekt?
Neue Familie, neues Handwerk, neues Glück?
Dem schien wohl so. Denn über alle Maßen,
war es der Dame gar recht, als sie sprachen.
Er bat um Ihre Hand, becircte Sie mit feinem Garn.
Sie war entzückt und er merkte schnell, den Narr'n,
den er an ihr gefressen hatte, zögerte nicht,
bat sie bei ihm zu sein und nahm sie in die Pflicht.

Sie lebte.
Er webte.

Und natürlich tat er das, was er am besten konnte.
Er webte und war verbunden mit Ihr und dem Orte.
Er sagte niemals nein, wenn sie etwas wollte,
glaubte ihr Alles...selbst skurrilste Worte.
Diese Bindung wollte er aufrecht erhalten,
um jeden Preis nicht wieder einsam werden.
So webte er weiter und sie lebte nun heiter
an ihm vorbei, nahm sein Tuch, sein Geld,
und verließ dann ruckartig seine kleine Welt,
ohne auch nur zurück zu blicken. Einfach weiter.

Düsternis umhüllte den Weber nun, als er bei sich war.
Düsternis ümhüllte den Weber nun, als er von sich nahm.
Schwere verdrängte jetzt die Leichtigkeit.
Schwere brachte ihn jetzt aus der Gleichsamkeit.
Einsamkeit und Unverständnis,
Hilflosigkeit und Missverständnis,
des Webers Geiste, malten nun ein Bild vor seine Augen,
welches er schon kannte und er suchte nun nach Glauben.
Aber fand nichts als Ratlosigkeit, überall und meilenweit.
Die Leere kam und dunkle Wolken machten sich breit.

Wie in seinem Kokon aus Erinnerungen,
schwelgte der Weber nun in dunklen Gassen,
seiner alten, traurigen Empfindungen.
Er fing an zu zweifeln und zu hassen.
Alles wofür er jemals war, was sollte es nun noch,
war doch klar, verlor nun Wert und kroch,
aus seiner Wahrnehmung, hinfort in die Unterwelt
dunkler die Wolken kaum werden, wenn man fällt.

Wenn es fehlt an eigener Beständigkeit,
an Mut und vitaler Lebendigkeit,
dann fällt der Weber nun zu Grunde,
löst die Garne und tritt zur Stunde.

Mit Hoffnung auf Erlösbarkeit,
macht der Weber sich jetzt bereit.
Tritt auf den Stuhl und sichert das Seil.

Traurig senkt sein Haupte sich
und er legt die Schlaufe sich,
um seinen Halse - kaum bitterlich.

Ein letzter Atem, gedankenlos.
Ein letzter Gedanke, atemlos.
Der Weber ließ nun gütig los.

Alles wofür er lebte, wofür er stetig webte,
war nun irrelevant. In seiner Hand das Band,
das er als erstes webte...als er noch lebte.



Kapitel V: Ein Fragment der Euphorie


Ein Fragment der Euphorie. Nimm es an, sonst wird es nie.


Nun sah der Weber auch selbst genauer hin,
auf einmal ergab es einen Sinn.
Was er in diesem Moment, als ihm Klarheit wiederfuhr,
aber auch vernahm, war eine andere Stimme, auf weiter Flur,
die ihm zurief: Weber, Weber, machs doch besser, als ich,
lass die Fäden, lass die Garne, lass die Messer, für sich,
einfach weiter arbeiten, und glaube Dir,
dass es nicht nötig wäre, nun schier
egoistisch zu werden und im Ganzen etwas zu empfinden,
das dich zweifeln lässt. Fang wieder an. Fang an zu binden.

Vertraut im Geiste aber auch der Prägung Schuld,
die der Weber spürte bei dieser sonderbaren,
intensiv geführten Konversation, waren
dieser Worte Grund, deutlich und sichtlich rund.
Wie ein Flüstern aus der Vergangenheit,
wie ein Hallen der Verbindbarkeit,
Sah der Weber nun genauer hin,
dankte des Garnes Dame,
und spürte den Sinn,
wie ein Hallen der Verbindbarkeit,
wie ein Flüstern aus der Vergangenheit.

Dies' Fragment, dies' Kleine, welches sich materialisierte,
gab dem Weber zurück, was sich manchmal zierte,
von alleine da zu sein. Es war diese Leichtigkeit,
diese Euphorie, das Sein, was Heiterkeit
und Glück erbrachte.
Er lachte.
Glaubte er nun an eine Einbildung?
Oder war es eine Eingebung?
Ein Ruf aus alter Verbundenheit,
komisch fremd und doch vertraut.

Dem Weber war dies nun ein Gedanke,
den er auch weiterhin zu denken wagte.
War es ein neuer Glaube? War es gar Magie?
Er nahm es an und webte wieder voller Euphorie.
Und auch des Garnes Dame, diese Feine,
sprach ihm zu und sagte, dass es seine,
und auch ihre, Sache wäre, sich zu binden,
um gemeinsame Garne und Bande zu erfinden.

Ein Fragment der Euphorie.
Nimm es an, sonst wird es nie.

Der Weber übte, arbeitete und mühte sich,
diese Worte der Erscheinung, ganz vorbildlich,
immerzu auch umzusetzten, dies Leben fortzuführen,
und gemeinschaftlich durch allen Türen,
die sich öffneten, zu treten, die Welt erleben.
Vorausschau, Obacht und Zusammengehen.
Alles ist möglich, so lange sie weben.
Eintracht, Harmonie und ein langes Leben.

Mit Dankbarkeit in höchstem Umfang,
Ehrfurcht zu Genüge, war es ein toller Anfang.
Wieder einmal und aufs Neue.
Der Weber zeigte dies' Mal aber keine Reue.
So webten sie wieder vor sich hin, waren glücklich
und gefunden. Verbunden ohne Wunden – endlich.

Und so fügte sich, was des Garnes Dame
einst schon zum Weber sagte.
Er glaubte ihr nun vollständig.
War dabei aber gewissentlich.

Auf dem Weg der Lebendigkeit,
gemeinsam bis in alle Ewigkeit,
webte sich ein Lebensband
und führte wieder Hand zu Hand.



Kapitel VI: Weber, oh Weber


Des letzten Endes Konsequenz, erwartet man nun die Beendigungs-Sequenz.


Bei seinem Sprung vom Stuhle sah der Weber jetzt,
wie in einem Schwung sein ganzes Leben und zu letzt
die stille Dunkelheit der Leere ihm erschien.
Sein Leben war vorüber, kein Grund mehr für ihn, zu flieh'n.

Als er sank in die Unendlichkeit,
macht sich ein Lichtschein breit.
Fern und scheinbar doch so nah.
Es war akut ganz sonderbar.

Schwebend in der schwarzen Masse,
sah der Weber entfernend eine Silhuette.
Er versuchte sie zu greifen, fand aber nur blasse,
fahle Nichtigkeit und suchte nach Mittel
und Weg, zu ergründen diese Wahrnehmung.
Obgleich ihm war, als wäre es seine eigene Darstellung.

Der Weber auf der anderen Seite dieser Sphäre
glaubte nicht, was er dort sah als er in sich ging.
All die Zweifel und die Ängste, traurige und leere,
erschufen ihm ein Abbild nun, das am seid'nen Faden hing.
Er hörte ein entferntes Rufen.
Eine Stimme, einen Rat, ein Fluchen.

Weber, oh Weber, machs doch besser als ich.
Lass die Fäden, lass die Garne, lass die Messer, für sich,
einfach weiter arbeiten, und glaube Dir,
dass es nicht nötig wäre, nun schier
egoistisch zu werden und im Ganzen etwas zu empfinden,
das dich zweifeln lässt. Fang wieder an. Fang an zu binden.
Ein Weber hörte dies.
Ein Weber sagte dies.
Aus einer offensichtlich zwischenzeitlichen Ebene heraus,
gelang einem Weber einst Kontakt zu knüpfen und hinaus
zu tragen seine Taten, die nicht rühmlich waren und zu sagen,
dass es doch nicht die erstrebenswerteste Variante war, plagen
ihn doch nun Gewissensbisse, Reue und Scham.
Weber, oh Weber, schau und tu dir das nicht an!

Wie es die Dame des Garnes ihm prophezeite,
ging der Weber in sich und verweilte
mit der neuen Eingebung im Geiste
immernoch an diesem Ort und preiste
eine höhre Macht dafür, was er nicht im Stande war zu sehen,
ihm im Endeffekt nur half, zu fühlen...es zu verstehen.


Ein anderes Leben bindet seine wollend Bahne,
an die Knöpfe eines Webers und seiner Dame.
Mag es wohl zurückgelegen
oder doch von vorn entspringend?
In jedem Fall, diese Eingebung, den Geiste bindend
durch Raum und Zeit gewoben,
nun der Retter für die schwache Seele ist, die windend
aus dem Körper wurd' enthoben.

Ein weiteres Mal am Boden, das wollte der Weber nicht
und so packte er sich den ganzen Mut der Zeiten,
stieg empor und sagte der Dame des Garnes ins Gesicht:
Dame des Garnes, ich danke Dir! Deinem Leiten
zum Dank und der Erscheinung ganz ähnlich,
sehe ich die Dinge nun klar und so wähl' ich
das Leben und das Band erneut,
webe starke Garne und bin erfreut,
die Stimme aus einer anderen Zeit gesehen zu haben.
Ich bin dankbar, leichter, anders und muss sagen,
was ich sah war schauderlich und zugleich ganz annehmlich.
Weber, oh Weber, ich dank dir und wünsche mir recht inständig,
dass du Ruhe findest
und nun bindest
das wohl letzte Band.
Nimm den Faden erneut in die Hand.
Hab keine Angst und sieh nach vorn.
Nimm die Dame und das letzte Korn.

Zieht in neue Lande, immer wissend,
bindend Band verwebend gern,
ihr vielleicht auch mal die Segel hissend
über Ozeane müsstet, ob der Länder Fern'.
Trotzdem frohen Mutes stetig,
mit Verlass aufs Handwerk lebt's sich
immer ganz passable und seid ehrlich,
Ihr habt Euch, das Garn und bildlich
auch das Bande schon die ganze Zeit
Also auf, auf und macht Euch bereit,
die Garne dieser Welt zu weben,
Liebt Euch, lebt Euch und das Leben.


So bindet sich das Garn als bald
und webt und tut und gibt Gestalt
der ganz natürlichen Wahrnehmung
in Verbindung mit der Annehmung
zum Wohle des wollenden Webers, einst,
Bande schaffend, Geist vereint.
Bahn um Bahn mit Garn umgarnen,
zu verbinden, dass wir einst mal einsam waren. 

Update November 2018

Auf einen runden Abschluss meiner Gedicht-Geschichte "Wolle, Garn und Webertum - eine Geschichte vom Bande", packe ich diese nochmal als Komplett-Beitrag mit auf die Seite. So kann man, wenn man will, alles in einem Lesen ohne die Seiten wechseln zu müssen. Fein aufgegliedert in ihre einzelnen Kapitel, versteht sich. Ich hoffe auf jeden Fall, dass Ihr beim Lesen dieser doch spezielleren Geschichte Spaß, Freude oder Ärger hattet?! In jedem Fall eine Emotion, das wäre gut!

Die Interpretation und Zusammensetzung ist hoffentlich schlüssig, bzw. regt dazu an, die Dinge und Stränge ein bisschen selbst miteinander zu verflechten. Im Endeffekt gibt das letzte Kapitel aber die Verbindung des Weber bzw. der Weber preis und webt sein ganz eigenes Ende der Geschichte. Mit Moral oder Fazit oder auch nicht...das bleibt dann doch immer ein bisschen der subjektiven Wahrnehmung überlassen.

Gedichte über Gedichte. So viele waren es in letzter Zeit. Und es macht mir richtig Freude und hat dies getan, diese Poesie, die dort in meinem Kopf herumschwebt, aufs digitale Papier zu bringen. Es folgen garantiert immer wieder Gedichte, Lyrik und Poesie. Manchmal lang geplant, wie der "Weber", manchmal ganz spontan inspiriert. Mein Kopf bleibt nicht leer, demnach bald mehr.

Als nächste, größere Element stehen bald aber wieder die Interviews aus der Nachbarschaft an. Staffel 3 wird dieses Jahr noch an den Start gehen. Ein bisschen ist schon im Kasten, ein wenig muss noch produziert werden, aber, was man sagen kann, ist, dass es auf jeden Fall wieder ein Spezial-Interview geben wird. Ein bisschen gesondert von der 1live-Freundeskreis-Dynamik.

Kurz zur Band: Es läuft. Es gab zwar wieder Veränderungen. Diese fallen aber spontan sehr positiv aus. Wir haben vor Kurzem eine Renovierungs- und Optimierungs-Aktion unseres Proberaumes vorgenommen. Neue Mit-Mieter, neue Klang- und Schall-Ausstattung, ein Schlagzeug-Podest, bald noch mehr Equipment, dann mal was aufnehmen und dann die Komplettierung der Band anstreben. Es geht voran. Es macht Bock. Wir machen geile Mucke. Die Jungs sind super drauf. Alles schick.

Kurz zu mir persönlich: Auch bei mir persönlich passieren wieder Veränderungen. Ich orientiere und perspektiviere mich gerade arbeits-technisch wieder etwas neu um. Der nächste Schritt muss jetzt passieren und darüber hinaus übe ich mich in mehr Weitsicht, Ehrgeiz und Motivation. Das funktioniert mit dem weiter vorhandenen Optimismus ganz gut. Dran bleibe ist jetzt die Devise!
Zudem kann ich sagen, dass ich persönlich eine wunderbare, nicht geplante aber dennoch passierte Wieder-Erfahrung machen darf, die gerade im Moment passiert. Ich bin sehr froh, etwas anzunehmen, bzw. wieder etwas geben zu können. Es ist wirklich schön, dass Dinge dann doch passieren, wenn man nicht damit rechnet.

Was bleibt noch zu sagen?! Die Blogseite wurde nochmal ein bisschen angepasst. Ich habe in der Sidebar, rechts, die Suche, eine Übersetzung und Links eingebaut. Die Formatierung hat sich insgesamt noch etwas angeglichen und die Strukturierung ebenso. Da bleibe ich auf jeden Fall auch weiter am Ball, um ein möglichst informatives aber auch angenehmes Seh- und Lese-Bild der Seite zu gestalten.

Achja, Feedback. Ganz grundsätzlich wünsche ich mir ein bisschen mehr Feedback. Ich denke, die die es lesen, verstehen es weiterhin und da ist dann eh die passende Übereinstimmung meiner Gedanken und Texte gegeben. Dennoch: Feedback ist immer gerne gelesen oder gehört. Scheut Euch auch nicht, die Seite zu verlinken oder sie zu teilen oder zu empfehlen oder was auch immer!

Ich denke, das wars jetzt erstmal. Bis zum nächsten Eintrag, Beitrag, Gedicht, Podcast, Geschichte oder Gespräch.

Stay cool, stay real!

Cheerio - Friede und Freude

Samstag, 18. August 2018

Bellerophon und Pegasus - Geschichten aus dem Feuerkorb

...damals als die Pferde noch Flügel hatten und ein Smartphon lediglich der Name für ein kluges Gespräch auf Entfernung war, war auch der beliebte und allseits bekannte Held Bellerophon am Start. Geschätzt von den Machthabern, angehimmelt von den Damen und verehrt vom Volk. Bellerophon, ein Dude der Antike. Schon Homer wusste um diesen Dude und schrieb in seiner Ilias Dinge auf, die den Helden ziemlich heldenhaft darstellten. Wobei Homer es wohl nicht so mit Flügelponys hatte. Von Pegasus/Pegasos erwähnte er nämlich kein einziges Wort. Vielleicht hatte Homer schlechte Erfahrungen bei Pferde-Wetten gemacht und deshalb keine Erwähnung des Pegasus vorgenommen. Vielleicht handelte es sich damals aber auch einfach nur um einen Mythos!? Der Sage nach, ob Homer dies nun checkte oder nicht, war das geflügelte Pferd auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil der sagenumwobenen Abenteuer Bellerophons. So viele Abenteuer sind zwar gar nicht verzeichnet, aber es werden unzählige gewesen sein!

Aber beginnen wir mal am Anfang:
Bellerophon, ursprünglich in Korinth geboren, demnach Korinther - nicht zu verwechseln mit Korinthenkacker - war der Sohn von Poseidon und Eurynome. Natürlich hatte, wie bei allen mythischen Helden, ein Gott seine Finger bzw. seine Umtriebigkeit im Spiel. Auch wenn oft ein Gott an der Zeugung von Helden beteiligt war, gab es aber auch immer das irdische Pendant bzw. die Verkörperung dazu, durch diese der Gott seine göttliche Vermehrung ausübte. Bellerophon, Sohn des irdischen Königs Glaukos und dessen Gemahlin Eurynome, war also mit den dreizackigen Genen Poseidons ausgestattet. Das versprach schonmal eine viel versprechende Zukunft. Aber, so liest es sich immer wieder heraus, ist diese Ehre, eine Art Halbgott zu sein, immer auch mit vielen Bürden, Drama, Tod und Chaos verbunden. Aber nun gut...Heldentaten kommen ja nicht von ungefähr. Es ist noch zu erwähnen, dass Bellerophons Opa kein geringerer war, als Sisyphos himself. Ich mutmaße mal wild, dass Sisyphos vor seiner Rolling Stone Odyssee seinen Sohn Glaukos, Vater des Bellerophon, zeugte. Ein permanentes Berg auf und Berg ab. Sisyphos wusste das natürlich zu gut.

Bellerophons Familiengeschichte war demnach schon so voller Pathos, Strafe und Götterträchtigkeit, dass er alleine durch seine Geburt den Status eines angesehenen Dudes erlangte, obwohl er als Neugeborener noch kein richtiger Dude war, dafür war er noch zu klein. Die Gene sorgten aber dafür, dass man ihn anerkannte, ihn respektierte, ihn fürchtete. Helden durften Vieles. Konnten Einiges und sollte immer heroischer Natur sein. Statuen, Fresken, Malereien. Kunst, die huldigt. Schriften, die verewigen. All dieses heldenhafte Eposzeug eben, was man benötigt um in der Mythologie einen guten Stand zu erlangen. Über die Kindheit und Jugend von Bellerophon ist leider nicht viel überliefert. Wir gehen einfach mal davon aus, er hatte eine gute, reiche und wohlgenährte Kindheit am Hofe seiner Eltern, ihrerseits Machthaber von Korinth. Die eigentliche Heldengeschichte beginnt also irgendwann im jungen Erwachsenen-Alter, schätze ich mal. Helden waren ja oft in der Blüte Ihres Lebens, als sie Heldentaten verrichteten. Anhand der wahrscheinlich geringeren Lebenserwartung in der damaligen Zeit, war die Blüte des Lebens eines Helden mutmaßlich so um die Mitte Zwanzig.

Bellerophon, also in der Blütezeit seines Lebens, hatte einen gänzlich falschen Start in das Heldenleben. Es trug sich nämlich zu, dass er aus Versehen (so steht es geschrieben) einen seiner Brüder umbrachte. Wie oder warum das geschehen ist, kann ich nur herbei fantasieren. Vielleicht, wie so oft, war es ein Unfall bei einem der legendären Saufgelage und/oder diverser Feierlichkeiten. Bellerophon könnte einen seiner Brüder aus Versehen im Suff über eine Brüstung oder einen Abhang gestoßen haben. Vielleicht fiel er im Gerangel auch in einen Brunnen und ertrank. Vielleicht war Bellerophon auch so dicht, dass er versehentlich eine Fackel oder eine Öllampe fallen ließ und sein Bruder dadurch Feuer fing. Vielleicht machten sie einen Schaukampf, um sich zu beweisen und Bellerophon schlug etwas zu fest zu...man weiß es nicht so genau. Bellerophon brachte also mir nichts dir nichts, natürlich nicht absichtlich, einen seiner Brüder um. Für diese Gräueltat wurde er postwendend vom Hof seiner Eltern gejagt. Darüber hinaus verstieß man ihn aus seiner Heimat und verbannte ihn aus der Stadt...

...Wenn man sich mal ein bisschen in verschiedene antike Geschichten und Überlieferungen einliest, ist immer wieder schnell merkbar, dass es wohl mal eine recht rohe Welt gegeben hat. Jeder Held wird zwangsläufig jemand anderen umbringen. So scheint es normal zu sein. Ob das bewusst, aus Versehen oder einfach so passierte, war dabei egal. Hauptsache Gemetzel. Unrecht/Recht, Rache, Tod. Das ist ganz oft ein Motiv in vielen Sagen. Brutal war es. Aber das war auch nötig. Man musste sich ja auch den Tücken der mythischen Wesen, der Unterwelt, den Göttern und den Menschen, die zudem hart wankelmütig waren, stellen. Als Held brauchte man schon ein dickes Fell und Belastbarkeit. Sonst war es ganz schnell vorbei mit dem Ruhm und Häme und Schmach würden über die niedergehen, die die Gunst des Volkes verspielten. Der Job des Helden war also immer leicht auf der Kippe und man konnte so schnell niedergehen, wie man empor kam. Der Pöbel war schon immer konsequent. Und ja, schlechte Publicity war auch damals schon schlechte Publicity. So musste man sich als Held immer wieder neuen Gratwanderungen hingeben. Aber genau das macht die Helden ja auch aus. Sie stellen sich dann dieser Herausforderung. Sie nehmen das Abenteuer an. Denn sie sind mutig.

Bellerophon, auf der Suche nach Exil, gelangte so in die Stadt Tiryn, die auf der Peloponnes lag. Er sehnte sich nach Schutz, einer Unterkunft und Reinigung durch den damaligen Machthaber und König Proitos und hoffte dass dieser ihn gütig und mit Verständnis empfangen würde. Der König wollte sich tatsächlich seiner annehmen, ihn anhören und dafür sorgen, dass er wieder guten Gewissens seiner Taten nachgehen konnte...allerdings sollte es dazu niemals kommen.
Am Hofe des Proitos niedergelassen, wurde Bellerophon nämlich von der Firstlady des Hauses, der Königin Anteia, begehrt und bezirzt. Heldencharme führt zu Damenwahl, whoop!
Bellerophon allerdings verweigerte der Königin diese Annäherung und wies sie zurück. Vielleicht war er nur müde oder sie war einfach nicht sein Typ. Die Königin, durch die Abweisung selbstverständlich mega gekränkt und ihrem Stolz verletzt, lief zu ihrem Gemahl und unterbreitetet ihm die Geschichte, Bellerophon habe sie genötigt und geschändet. Proitos, König, Ehemann, Mann, glaubte seiner Gattin natürlich und wollte Bellerophon dafür zur Rechenschaft ziehen und ihn bestrafen. Aber wie schon König Glaukos, hatte auch König Proitos viel zu viel Angst vor den Erinyen, den Rachegöttinnen und den Konsequenzen, die folgen würden, würde er Bellerophon eigenhändig hinrichten lassen.

So wurde Bellerophon ein weiteres Mal aus einer Stadt verjagt. Ein weiteres Mal war es nicht direkt seine Schuld, dass er bestraft wurde. Wie gesagt, der Wankelmut der Leute machte den Helden schwer zu schaffen. Selbst Königinnen war im Endeffekt nur Marionette der freien Liebe und der Saufgelage. Es wurde schon ziemlich viel rumgehurt damals, das kann man nicht anders sagen. Ganz unabhängig vom Geschlecht oder der irdischen oder himmlischen Abstammung. Sex ist in diversen Sagen immer ein Faktor. Es hat sich also nicht sonderlich viel verändert, im Vergleich zu heute...

Da seine Gemahlin dem König von Tiryn weiter starken Druck machte, sich endlich des Bellerophon-Problemes anzunehmen, überlegte sich Proitos eine vermeintliche List, um sich, auch wenn das nur indirekt geschehen sollte, an Bellerophon zu rächen. Er setzte einen Brief auf, versiegelte ihn und gab ihn Bellerophon mit auf den Weg. Er verbannte ihn aus seiner Stadt und schickte ihn mit dem Brief zu seinem Schwiegervater, Iobates, nach Lykien. Was Bellerophon nicht wusste, war, dass der Brief, an Iobates persönlich gerichtet, die vermeintliche Schändung an seiner Tochter durch eben jenen Bellerophon beschrieb. Der Plan, Iobates würde den Brief öffnen und Bellerophon voller Zorn richten, war Proitos feiger Versuch, die Verantwortung des Urteils abzugeben, aber dennoch ein positives Ergebnis herbeizuführen. Nach Bellerophons Abreise gen Lykien, nahm sich die Königin Anteia übrigens das Leben. Welch Schmach doch eine Zurückweisung ausmachen konnte. Proitos war natürlich zu tiefst bestürzt.

Back to Bellerophon. Er so, mit Brief und Siegel dann in Lykien ankommend, heldenhafter Ruhm ihm immer noch voraus eilend, gibt den Brief so an den Ioabtes King. Der dann so: "Bellerophon, oh heldenhafter Held, Sohn des Glaukos, wahlweise Poseidon, möge man Dich ehren und preisen!"

Iobates nahm den Brief zwar entgegen, hielt aber erst einmal ein neun-tägiges Festmahl ab, um Bellerophon zu ehren und gebührend zu feiern. In Zeiten, wo keine Tauben um die Welt fliegen und zwitschern, war Informationsverbreitung einfach noch nicht soweit. Und der Ruf hielt sich eine ganze Weile. Je nach Region, wusste man einfach noch nichts von versehentlichen Morden oder sexuellen Nötigungen durch Königinnen, die darauf Selbstmord begingen. Beim Saufen, Fressen und Ficken kamen Iobates und Bellerophon schnell auf einen grünen Zweig, verbrüderten sich und nahmen nach den neun Tagen Gelage, gerne zwei weitere Tage in Anspruch, die ganz und gar der Regeneration und der Kater-Bekämpfung dienten.

Nachdem Iobates wieder relativ klar lesen konnte, öffnete er dann endlich den Brief, den Proitos an ihn adressiert hatte. Er traute seinen Augen kaum, als er las, was in dem Brief stand. Iobates wollte sich natürlich für die vermeintliche Schändung seiner Tochter rächen, war aber auch angetan von der guten Zeit, die er und Bellerophon in den letzten elf Tagen gehabt hatten. Und er hatte Angst vor den Rachegöttinnen. Wieder einmal. So musste er entscheiden und schickte Bellerophon mit der Aufgabe das Scheusal und Monster, die Chimära, zu bezwingen, nach Karien, einer benachbarten Landschaft, die derweil von dem Monster übel terrorisiert wurde. Bellerophon, ja nicht dumm, suchte kurze vor seiner Aufgabe einen Seher auf und bat ihn um Hilfe. Der Seher, Diener der Götter, prophezeite Bellerophon in einer Vision, dass er sich im Kampf gegen die Chimära auf mythische Unterstützung berufen könne. Dafür solle er nur eine Nacht im Tempel der Athene verweilen. Im Mondschein würde ihm dann die Göttin persönlich erscheinen und ihm Pegasos überreichen. Mit Hilfe des geflügelten Pferdes, so wurde ihm aufgetragen, würde er den Kampf gegen die Chimära gewinnen können.

Und so verbrachte Bellerophon die kommende Nacht im Tempel der Athene. Er ließ sich auf den kalten Marmorstufen nieder, horchte und verweilte. Mit zunehmender Stunde fielen ihm immer mal wieder die Augen zu und er versank in einer Art Dämmerschlaf. Mit dem Gefühl gerade eingenickt zu sein, erwachte Bellerophon plötzlich. Im Eingang des Tempels vernahm er den Schein eines heller werdenden Lichtes. Er richtete sich auf und drehte sich zum Eingang.
Plötzlich stand sie vor ihm. Eine Aura in Person einer göttlichen Gestalt. Hell, gleißend aber nicht blenden, wunderschön, kaum bekleidet. Sie kam näher. Bellerophon stagnierte. Er war wie angewurzelt. Hinter der gleißenden Erscheinung konnte er ein weiteres Leuchten erkennen, dass allmählich näher kam. Athene sagte nichts. Sie deutete lediglich auf das aus dem Tempel schreitende weiße Pferd, machte ein paar Schritte zurück und verschwand. Bellerophon stand nun da. Vor ihm, auf dem Absatz zum Tempeleingang, ein weißes Pferd mit Flügeln, um ihn herum die Nacht. In ihm drin, Fragen.

Als er am nächsten Morgen von den ersten Sonnenstrahlen geweckt wurde, war das erste, was er sah, den friedlich vor sich hin stehenden Pegasos. "Bist du echt?", fragte Bellerophon das Flügelpony geistesabwesend. Es blieb bei dieser rhetorischen Frage. Natürlich war es echt. Nur der Traum war es vielleicht nicht. Aber das sollte Bellerophon alles nicht davon abhalten zu seiner größten Heldentat zu schreiten und der Chimära, die immer noch lustig das Land in Karien verwüstete, ein für alle Mal den Gar aus zu machen. Bellerophon hatte Bock auf Abenteuer, das Pony schien auch gewillt zu sein und so machten sich die beiden auf dem Weg nach Karien. Unterwegs fragte sich Bellerophon ein ums andere Mal, ob die Flügel des Pferdes eher so aussahen, wie die großen Schwingen eines Albatros oder eher, wie die majestätischen Flügel eines Engels. Er konnte sich nicht recht entscheiden und beließ es bei einer herrlichen Mixtur aus beiden Varianten. Das Pferd flog, das war eigentlich das Wichtigste. Es hätten auch Flügel aus Hühnerfedern sein können...hätte allerdings merkwürdig ausgesehen.

Frohen Mutes und in Karien angekommen, konnte Bellerophon die Bestie schon aus weiter Ferne wahrnehmen. Sie fauchte und brüllte so laut, dass die Erde ein bisschen wackelte. Sie spie Feuer, entzündete Felder und ganze Dörfer. Die Chimära, ein monströses Mischwesen aus Löwe, Ziege und Drache. Sie war alleine aus dem Grund der Verwüstung auf die Erde gekommen. Sie galt als Tochter der Ungeheuer Echidna und Typhon, die im großen Kampf der Götter und Titanen ebenfalls ihre Werkzeuge einsetzten. Ebenso die Chimära. Tod, Verwüstung, böse-drein-schauen. Das konnte sie gut und das sah man ihr an. Als Bellerophon sich ihr näherte, offenbarte sich ihm ein Bild der Zerstörung. Die Chimära war fleißig. Aber nun war er ja da. Er flog ein paar Kontrollrunden und musterte das Scheusal aus der Luft. Die Chimära, natürlich fuchsteufelswild, schnappte nach ihm. Immer wieder versuchte sie das Pony-Helden-Duo aus der Luft zu pflücken, scheiterte aber, da sie nur springen und nicht fliegen konnte.

Bellerophon fasste einen Plan. Er sammelte alle Pfeile, die er im Umkreis fand ein, präparierte seinen heldenhaften Bogen und tat das, was er am besten konnte. Er stellte sich dem Ungeheuer und erhob sich mit hunderten von Pfeilen ausgerüstet wieder in die Lüfte. Was nun folgte war eine heldenhafte Action, die Bellerophon da abriss. Er flog um die Chimära herum und verschoss in Sekunden-Intervallen mehrere Pfeile gleichzeitig. So dass ein wahrer Pfeilhagel entstand, der die Chimära hätte bezwingen sollen. Nach ziemlich schnellen fünf Runden, die der treue Pegasos absolvierte und dreihundertsiebenundsechsig abgeschossenen Pfeilen, hielt Bellerophon inne und begutachtete das Resultat dieses unfassbar helden- und sagenhaften Angriffs. Als der aufgewirbelte Staub sich verzog, musste Bellerophon mit Entsetzen feststellen, dass die Chimära den Angriff überstanden hatte. Sie war nur leicht verletzt. Dadür war sie nun umso wilder. Als die Chimära die Orientierung wieder gefunden hatte, stürmte sie sofort auf den Helden und sein weißes Ross zu. Geistesgegenwärtig zog Bellerophon an den goldenen Zügeln seines Begleiters. Mit einem kräftigen Flügelschlag konnten sie der herannahenden Bestien gerade noch ausweichen. Diese warf sich wild herum, öffnete ihr Löwenmaul und materialisierte einen weiteren Feuerball, der den Helden gut durchgaren sollte.

Just in diesem Moment hatte Bellerophon einen Geistesblitz. Er manövrierte Pegasos ein weiteres Mal geschickt an dem heranfliegenden Feuerball vorbei und trieb, nicht weit entfernt in einer alten Schmiede, einen Klumpen Blei und einen Speer auf. Er besfestigte das Blei an der Spitze des Speeres und sattelte wieder auf. Im frontalen Anflug auf die Chimära, so hoffte Bellerophon, würde das Ungetüm wieder mit Feuer speien. Und genau in diesem Moment drehte Bellerophon ab und warf den mit Blei präparierten Speer genau in den geöffneten Rachen des Monsters. Von der Hitze des Feuers geschmolzen, lief das flüssige Blei in die Luft- und Atemwege der Chimära und sie verendete qualvoll durch flüssiges Blei bzw. Erstickung. Hätte es einen Wettbewerb fürs Bleigießen gegeben, Bellerophon hätte mit Sicherheit gewonnen.

Nach der Vollendung dieser Heldentat kehrten der Held und sein Pony wieder zurück nach Lykien. Bellerophon wandte sich dort direkt und unmittelbar an den König Ioabtes, der natürlich nicht erfreut war, dass Bellerophon noch lebte. Er hätte im Kampf gegen die Chimära einfach sterben sollen, das war der Plan. Um keinen weiteren Verdacht zu schöpfen, erkannte Iobates diese Tat aber erst einmal an und forderte nun noch mehr heldenhafte Aufgaben von Bellerophon. Er solle ihm beweisen, dass er ein wahrer Held sei. Bei wenigstens einer Heldentat würde er schon noch ums Leben kommen, so dachte Iobates...so würde seine Tochter wenigsten gerächt werden. Dass diese weiterhin tot war und dies auch bleiben würde, wusste man in Lykien wohl immer noch nicht.

Bellerophon stellte sich selbstredend allen, ihm gestellten Aufgaben und meisterte Eine nach der Anderen. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen die benachbarten Solymer und der anschließenden Schlacht gegen die Amazonen, überstand Bellerophon auch einen Hinterhalt, der besten Meuchelmörder Lykiens. Dieser Hinterhalt war natürlich von Ioabtes initiiert worden. Aber es half alles nichts. Iobates musste einsehen, dass Bellerophon ein Liebling der Götter war und wahrscheinlich seinem Ruf und Ruhm vollends gerecht wurde. Der König gab letztendlich nach und auf. Er huldigte Bellerophon von nun an, machte ihm Geschenke, gab ihm Land und eine seiner anderen Töchter, Kassandra, zur Frau. Hätte man mehr Kommunikation gemacht, wäre das wohl alles nicht passiert. Aber dann wäre Bellerophon auch nie zu dem Helden geworden, der er war.

Nachdem Bellerophon nun im fortschreitenden Alter erfolgreich zwei Kinder gezeugt und großgezogen hatte, packte ihn wohl irgendwann der Übermut. Er hatte in einem weiteren wahnwitzigen Moment die Idee, mit Pegasos zum Olymp zu fliegen. Zum Olymp. Der Heimat der Götter. Dem himmlischen Dach. Gedacht, getan. Bellerophon schwang sich auf den Rücken seines Pferdes und dies schwang wiederum seine Schwingen und beide hoben ab, empor, um die Götter höchstpersönlich zu besuchen.

Dieser irrwitzige Plan blieb auch dem Göttervater Zeus nicht verborgen. Er verachtete diese Hybris des Bellerophon und wurde seinerseits tätig. Auf halbem Wege in der Luft, entsendete Zeus eine Bremse, die Pegasos stach und dieser somit seinen Reiter abwarf. Bellerophon stürzte daraufhin ziemlich schnell und energisch Richtung Erde zurück. Er landete mehr als unsanft in einem Dornenbusch, brach sich mehrere Knochen, ein Ohr riss ihm ab, Prellungen und Blutergüsse übersähten seinen Körper. Er war ramponiert und entstellt. Er überlebte diesen Aufprall zwar, aber war danach nur noch in der Lage als einsamer Krüppel durch die Gegend zu schlurfen und zu kriechen. Niemand nahm sich seiner mehr an. Er war zerstört. Innen und außen. Ein Held war gestorben. Und so irrte er noch ein paar Tage einsam und kaputt herum, bevor er irgendwo in Tlos endgültig verendete. Pegasos hingegen konnte sich von dem Stich der Bremse erholen und flog lustig seiner Wege.

Unterm Strich bleibt ein ungewollter Unfall, eine Abweisung, mehrere Vertreibungen und unzählige daraus resultierende Heldentaten des Bellerophon. In Anbetracht der Tatsache, dass sein Schicksal ihn wohl dafür vorgesehen hat, konnte Bellerophon gar nicht viel für die Geschehnisse, die ihm wiederfahren waren. Natürlich bleibt am Ende der Hochmut und die extreme Selbstüberschätzung. Darüber hinaus auch die Respektlosigkeit gegenüber den Göttern, die sich - ganz menschlich - gekränkt fühlten und Bellerophon dafür letztendlich richteten. Es mussten schon die Götter sein, die dafür sorgten, dass ein Heldenleben zu Ende geht. Im Abgang, wie üblich, ein gebrochener und geläuterter Held, Tod und viel Drama.

Selbstüberschätzung, Hochmut, Fall. Man kennt das. Bellerophon bleibt in jedem Fall der Dude mit dem Flügelpony.




Quelle: Wikipedia