Ich blickte tief in Ihre großen, dunklen Augen und vernahm das
leichte Beben darin. Ein tanzender Kranz, pulsierende Pupillen. Eine
einsetzende Verschwommenheit, ein unsicheres Flackern. Sie blickte
sich hektisch um, während Nervosität über Ihre feinen Züge
huschte. Ich sah die Zweifel, die Ihre Mundwinkel - kaum merkbar -
zum Zucken brachten. Immer wenn sie grübelte oder besorgt war, zog
sie eine Augenbraue nach oben und feine Falten erschlossen Ihre
Stirn. Sie nestelte nervös am Saum der viel zu großen
Sweatshirtjacke, blickte mich an und fragte:
"Warum ist das Leben so ungerecht? Nur Enttäuschungen und
Betrug. Neid und Eifersucht. Meine Seele ist schon wieder ein
bisschen mehr kaputt gegangen, denke ich...das ist doch scheiße!"
"Aber es sind die Menschen, die ungerecht sind, nicht das
Leben.", sagte ich. "Du bist toll und wunderbar und voller
Herz und Frohsinn. Lasse niemals zu, dass Dir die Menschen das
wegnehmen. Nimm das Leben an, dein Leben und sei Du selbst. Dafür
brauchst du doch niemand Anderen."
"Ich bin doch immer ich gewesen" resignierte Sie,
"...was mache ich denn nur falsch? Alles, was ich will, ist doch
nur ein bisschen Liebe, Zuneigung und Geborgenheit. Vertrauen und
Leichtigkeit...ganz normale Dinge...aber..."
"...einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen
sehen.", fiel mir dazu spontan ein, "Es ist ein Graus mit
einem Großteil der Gesellschaft, das wissen wir beide. Und dennoch,
gerade deswegen, bewundere ich Dich für deinen Optimismus. Du
versuchst es wenigstens immer wieder...auch wenn es mir im Herzen
schmerzt, Dich dann so sehen zu müssen. Besonders Du hast diese
kalte, oberflächliche Ungerechtigkeit nicht verdient."
"Bin ich deshalb naiv, blöd oder gar bescheuert? Ich habe
Zweifel und ich verliere die Kraft. Ich fühle mich gerade wieder so
klein..." Sie senkte den Kopf und seufzte.
Ich trat einen Schritt auf sie zu, nahm Ihre, immer noch leicht
zitternden Hände, lächelte und sagte: "Ganz im Gegenteil,
Sweetheart. Du bist sensibel und denkst einfach viel nach. Blöd wäre
es nur, wenn Dich das Alles runterzieht und Du dich ungewollt
veränderst..."
"Aber..."
"Kein "Aber" und keine Widerrede...!"
Sie senkte ihren Kopf und ließ die Schultern noch ein wenig mehr
sinken als zuvor.
"Hey, schau mich an."
Der Blick den sie mir dann entgegenbrachte, war wieder voller
Angst und Zweifel. Tanzende Kreise. Unsicheres Flackern.
"Ändere Dich nicht, denn Du bist gut, wie du bist. Vergiss
das bitte nicht. Jeder sollte sich eine Scheibe von Dir bzw. deinem
Charakter und Wesen abschneiden. Wären mehr Menschen, wie du, wäre
die Welt ein gutes Stück besser und definitiv ein besseres Stück
guter!"
Sie musste schmunzeln. Dabei wackelte Ihre Nasenspitze für einen
kleinen Augenblick. Das tat sie immer, wenn sie schmunzelte. Aber das
wusste Sie natürlich.
"...siehst Du, da bist Du ja wieder.", freute ich mich.
"Das Lächeln steht Dir eindeutig besser als der Zweifel und die
ganzen Runzel auf deiner Stirn! Und Du weißt: wenn du Dich klein
fühlst, hebe ich Dich hoch. Wenn Du Kraft brauchst, schenke ich Dir
Energie. Wenn Du Schutz benötigst, empfange ich Dich mit offenen
Armen und schließe Dich darin ein. Ich halte Dich fest, damit Du
nicht verloren gehst."
Die Falten der Sorgen legten sich so langsam. Ein tiefes
Durchatmen. Sie schloss die Augen für einen weiteren Moment, öffnete
sie wieder, schaute mich an und eine spontane Rührung überkam sie.
Eine Mischung aus Erkenntnis, Dankbarkeit und purer Emotion. Jetzt
war Sie wieder so echt, wie sie nur sein konnte.
"Lass einfach los, hier bist Du in Sicherheit. Ich verstehe
Dich. Ich bin da, wenn Du mich brauchst!"
Es war drei Uhr
nachts, kalt und nass. Es war wieder Herbst.
Sie nickte nur kurz zur Bestätigung, schloss dann wieder ihre
braunen Augen und umarmte mich. Sie hielt sich fest. Ich schloss
meine Arme um Ihre Schultern und hielt sie ebenso fest.
Das leise "Danke", was sie mir entgegen flüsterte,
erfüllte mich mit tiefer Emotion, Demut und ebenso Dankbarkeit.
So standen wir dort, umarmten uns und waren einfach für einander
da. Auch um drei Uhr Nachts.